Die Welt

Stimmen und Schriften aus der Ferne #6

Stimmen des Imperiums

»Habt acht! Selbst unter denen, die als reisende Händler seit Jahren den alten imperialen Straßen kreuz und quer durch das Kernland oder gar bis hinauf zu den jungen Metropolen des Drachens folgen, ist kaum bekannt, was ich euch heute erzählen werde! Für Kaufleute wie uns, deren Ruf und Stolz auf der Exklusivität und Ausgefallenheit ihres Warenangebots gründet, ist es selbstverständlich von größter Bedeutung, auch über entsprechende Bezugsquellen zu verfügen. Speziell solche, die weder unseren Kunden, noch unseren Konkurrenten bekannt sind. Nun hattet ihr im Lauf der letzten Jahre Gelegenheit, jede imperiale Metropole und allerlei entlegene Dörfer und Karawansereien zu besuchen, wo ihr ja auch die meisten unserer regelmäßigen Lieferanten kennenlernen durftet. Die meisten – doch nicht alle. Vor allem einige der wichtigsten nicht. Seht ihr, ihr wisst, dass ich immer wieder einige buchstäblich einzigartige und gewisse exotische und rätselhafte Stücke im Angebot habe, die den erlesenen – und sagen wir ruhig, etwas blasierten – Geschmack unserer ach so zahlungskräftigen Kunden aus adligen Kreisen ansprechen und ihre Kauflust allein schon dadurch anstacheln, dass sie sicher sein können, auf dem nächsten Empfang die einzigen zu sein, die über ein Exemplar der fraglichen Ware verfügen. Einer Ware, die mit Glück so ausgefallen ist, dass vielleicht nicht einmal wirklich klar ist, worum es sich überhaupt handelt!

Was? Ja, sicher kommt es hier und da zu peinlichen Verstümmelungen, unerwarteten Explosionen oder unbequemen dæmonologischen Nebenwirkungen. Das macht ja auch den Reiz aus – und findet schließlich nicht in unserer Nachbarschaft statt. Deshalb habe ich eurem seligen Großonkel ja auch abgeraten, dass neue gesicherte Großlager im eigenen Keller einzurichten!

Zurück zum Thema: Woher also bekommen wir diese wundersamen Skurrilitäten? Es ist euch ja bekannt, dass ich während meiner großen Rundreisen immer mal wieder für einige Tage, manchmal sogar Wochen, kleine Abstecher abseits der großen Straßen unternehme. Abstecher, bei denen auch keiner von euch mich bisher begleiten durfte. Nun, diese fanden immer dann statt, wenn wir nahe gewisser Küstengebiete waren – insbesondere entlang der Westküste, dem Drachen und der Südküste. Im Osten gibt es nur ein bis zwei vergleichbare Gebiete. Denn dort finden sich kleine, ja geradezu winzige Dörfer, in den Stranddünen oder kleinen Buchten verborgen, deren Bewohner ihren Lebensunterhalt außer durch Fischfang vor allem durch das eifrige Sammeln von Strandgut bestreiten! Diese Leute sehen nur selten Besucher aus großen Städten und sind für jede schimmernde Münze und jede kleine Ladung der alltäglichsten Waren mehr als dankbar. Wir aber – und damit seid nun auch ihr gemeint – achten vor allem auf all die bizarren und ›wertlosen‹ Einzelstücke an seltsamen Waffen, Skulpturen, versiegelten Gefäßen, Knochen, Pflanzensamen, Eiern und ähnlichem Kram, den die Dörfler neben ganzen Kisten, Ballen und Fässern mit der Ladung versunkener Schiffe an ihren einsamen Küsten so finden! Erinnert ihr euch zum Beispiel noch an die getigerte Riesennuss, die ich vorletztes Jahr an die Witwe des Hyperkonsuls verkaufte? Die, aus der während des Banketts dann plötzlich diese enorme singende Schlingpflanze heraus brach? …«

Ilbredo Byldropoi, reisender Händler und Antiquar aus Lyssa, zu seinen zwei Söhnen      

 

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