Die Welt

Stimmen und Schriften aus der Ferne #9

Stimmen des Imperiums

»Warum ich heute so viel saufe? Was soll ich sagen – mein Stiefonkel ist gestern gestorben. Aber das hier hat nichts mit Trauer oder so zu tun. Der Alte war ein harter Hund und starb eigentlich ganz friedlich und hochbetagt im Familienkreis. Auch wenn wir alle natürlich in erster Linie wegen seines beträchtlichen Vermögens dort waren. Onkelchen war nämlich fast sechzig Jahre zur See gefahren. Erst als Schiffsjunge, später mit seiner eigenen Handelsflotte – der hat wirklich alles gesehen. Als ich noch klein war, da erzählte er auch immer gern spannende Geschichten von seinen Reisen. Die Kinder liebten das, auch wenn alle Erwachsenen in der Familie ihn schlicht für verrückt oder verlogen hielten. Eines seiner liebsten Themen waren Treiblande: das sind angeblich gewaltige Bimssteinbrocken, die vor einigen Tausend Jahren mal ein monströser Vulkanausbruch im südlichen Ozean ausgespuckt hat und die nun von allerlei Tieren und Pflanzen besiedelt als eine Art schwimmende Inseln kreuz und quer durch die Meere treiben. Oft spann er ein buntes Seemannsgarn über eine solche Scheininsel, von denen natürlich jede über ganz eigene wundersame Bewohner verfügte. So weit, so harmlos.

Doch gestern Abend – wir dachten schon, er wäre sanft eingeschlafen – da entrang sich ihm plötzlich ein gellender Schrei und er saß stocksteif aufgerichtet im Bett während er ins Leere starrte! Dann begann er leise und mit unnatürlich jugendlicher Stimme zu reden. Er erzählte, wie er im Sturm über Bord ging und zu ertrinken glaubte. Doch er kam in Sonnenschein und unter blauem Himmel unversehrt wieder zu sich, während er in Sichtweite einer kleinen Insel im Wasser trieb. Er kroch an Land, wo er erkannte, dass alles auf diesem Eiland schwarz war – nur schwarze Steine und schwarzer Sand. Ohne Hoffnung auf Wasser oder die Aussicht auf ein rettendes Schiff schien sein Schicksal endgültig besiegelt. Da sah er auf einer Klippe eine Statue. Neugierig näherte er sich, nur um erschreckt zu erkennen, dass dort wirklich ein hochgewachsener Mann auf einem Thron aus schwarzem Stein saß. Onkelchen schilderte wie er langsam auf die Gestalt zu ging – bis sich plötzlich das Haupt des Mannes auf dem Thron ruckartig herum fuhr und ihn ansah! Und im selben verdammten Moment dreht sich auch das Gesicht meines Onkels zu mir, so dass seine weit aufgerissenen Augen geradewegs durch mich hindurch starrten!

›Geh zum Hafen und besteige ein rotes Schiff. Es wird dich zu mir bringen. Dein Onkel schuldet mir noch einen letzten Dienst – und unter all diesen Erben hier bist du der einzig geeignete für diese Aufgabe!‹

Was soll ich jetzt nur tun? Im Hafen liegt natürlich wirklich ein großer roter Sklavenhändler der noch heuert – und kurz nachdem ich einfach daran vorbeiging stürzte ein großer Stoffballen auf einen der Schiffsjungen eines anderen Schiffes, das nur wenige Schritte neben mir am Kai ruhte, und erschlug ihn! Ein Zeichen der übelsten Art! Was mach ich nur …«

Yissan Valhaxai, Steuermann, zuletzt gesehen im Siebten Horn, einer Hafentaverne in Manto

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