Die Welt

Stimmen und Schriften aus der Ferne #11

Schriften des Imperiums

… eine kleine, nur wenige hundert Schritt durchmessende und von dichten Palmen bedeckte Insel! Sie ruhte inmitten eines kreisrunden Beckens mit spiegelglattem Wasser, dass allem Anschein nach genau im Zentrum des heimtückischen Labyrinths aus Korallenriffen lag, durch welches wir uns in den letzten Tagen gequält hatten. Unsere Vorräte gingen zur Neige und die Mannschaft stürzte voller Eifer an Land, wo es zur allgemeinen Verwunderung und Freude vor allerlei erfrischenden Früchten, großen Schildkröten und einer merkwürdig plumpen, doch delikaten Vogelart nur so zu wimmeln schien. Derweil begleitete ich den Kapitän ins Innere des Eilands, wo wir – wenn auch mit geringer Hoffnung – nach Trinkwasser Ausschau halten wollten. Tatsächlich fanden wir einen tiefen felsigen Teich, der wohl der hiesigen Tierwelt als Tränke dienen mochte, dessen brackiges, von winzigen Fischen bevölkertes Wasser jedoch gänzlich ungeeignet für menschlichen Genuss schien. Als wir aber resigniert den Rückweg zum Schiff antraten, um der Mannschaft die schlechte Nachricht zu überbringen, da fiel mein Blick auf ein gleißend helles Objekt im Grün der Baumkronen. Ich machte den Kapitän darauf aufmerksam und wir lenkten unsere Schritte in die Nähe des Gebildes, das zunächst Ähnlichkeit mit einer leicht schief stehenden weißen Fahnenstange zu haben schien. Doch plötzlich traten wir auf eine nur mit hüfthohem Gras bewachsene Lichtung und erkannten voller Schrecken in dem Objekt nur einen von vielen haushohen sonnengebleichten Knochen, die aus dem Erdreich in den Himmel aufragten! Meinem ersten Eindruck nach befanden wird uns dort umgeben von den Relikten wahrhaft titanischer Rippenbögen – und möglicherweise handelte es sich bei der gesamten Insel nur um das Ergebnis ganzer Zeitalter von abgelagertem und in dem Skelett eines gewaltigen Monsters verfangenem Treibgut, aus dem schließlich fruchtbares Erdreich und fester Boden wurde! Als ich dem Kapitän – der sichtbar ergriffen von dem Anblick war – jedoch meine Gedanken laut vortrug, da verpflichtete er mich zu eisernem Schweigen gegenüber dem Rest der Mannschaft, deren abergläubischem und rohem Wesen er misstraute. Zunächst zweifelte ich an seinem Urteil, doch bin ich rückblickend froh über mein Schweigen. Denn selbst dem Kapitän verriet ich kurz darauf nicht, dass ich einige Schritte weiter Teile eines der baumdicken Riesenknochen im Grass fand, die offenbar dereinst von einer rätselhaften Kraft so glatt durchtrennt worden waren, dass die glatten Trennflächen mich an Keramik oder Glass denken ließen. Nur enorme Hitze konnte …

 

Überreste eines Reisetagebuchs des Gewürzhändlers und Alchemisten Nyrek il-Phanos aus Manto

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