Die Fragmente

Malmsturm – Die Fragmente: Die Stillen Männer – ein Ammenmärchen des Nordens

Es überrascht wohl niemanden, dass es dem Norden mit seinen scheinbar endlosen Wintern nicht an grausamen Legenden und Märchen aller Art mangelt – insbesondere solchen, in denen es um Dunkelheit, Kälte, Hunger oder Einsamkeit geht. Die düstere Natur dieser Geschichten beeinträchtigt aber keineswegs ihre Beliebtheit und gerade gegenüber Fremden und weitgereisten Besuchern werden in langen Nächten gern die besonders unheimlichen oder blutrünstigen lokalen Überlieferungen zum Besten gegeben. Nur eine Geschichte wird man bei solchen Zusammenkünften so gut wie nie hören. Fragt man unhöflicherweise nach dem Grund dafür, so wird meist darauf hingewiesen, dass es sich um eine reine Schauergeschichte für Kinder handeln würde, die außerdem überall und jedem bekannt sei. Tatsächlich scheint jeder, der im Norden aufwuchs, als Kind die Geschichte von den Stillen Männern gehört zu haben, aber die wenigen Gelehrten, welche sich näher mit dieser Legende befassen, stellen stets fest, dass es nicht nur eine enorme Vielfalt lokaler Varianten gibt, sondern gerade die Erwachsenen in besonders abgelegenen oder dünn besiedelten Regionen eine starke abergläubische Furcht mit der bloßen Erwähnung der Stillen Männer verbinden!

 

 

Schriften des Nordens

…wenn ich mir also auch eine Reise zu den wilden Völkern der Choár oder gar zu den pelzigen Riesen der Hochebene von Khor nicht zutraue, so denke ich doch, aus meinem umfangreichen Studium entsprechender Schriften ableiten zu können, dass diese als einzige keine äquivalente Überlieferung zu den sogenannten „Stillen Männern“ der etwas milderen Regionen kennen. Die genauen Gründe dafür sind mir weiterhin unklar, doch ich vermute inzwischen, dass der permanente Kriegszustand, in dem sich diese Völker untereinander und in Bezug auf irgendwelche nicht näher bekannten Kreaturen der Gletscher befinden, dabei eine entscheidende Rolle spielt…

Julbert der Jüngere an seinen Mentor Ulfard von Nidbaerg

 

 

Die Thuul erzählen ihren Kindern seit jeher, dass in mondlosen Winternächten, wenn der Schnee alle Geräusche zu ersticken scheint, manchmal einige Schatten zwischen den Häusern der Menschen auftauchen. Oft können die Kinder dann ihre Eltern nicht finden, weil diese vielleicht gerade nach dem Vieh schauen müssen, doch plötzlich glauben die Kindern ein vertrautes Flüstern an Tür oder Fenster zu hören – ein Flüstern, auf das sie nicht antworten, geschweige denn die Tür öffnen dürfen, denn dann würden die Schatten in die Häuser huschen und die Kinder mit sich in die dunkle Nacht nehmen, wo diese dann so lange hungern und frieren müssten, bis sie selbst nur noch flüsternde Schatten wären. Solche armen Kinder stoßen oft schreckliche Schreie aus, wenn sie aus ihren Heimen gerissen werden – und keinesfalls darf je ein anderes Kind darauf auch nur mit einem Wimmern antworten, will es nicht ebenfalls sofort in der Nacht verschwinden!

Die Kinder der Thraskiten wissen alle, dass in besonders kalten Winternächten die Pferde der Familie unruhig werden, wenn sie Wölfe und andere Räuber in der Nähe spüren. Doch sie wissen auch um die merkwürdige Stille, welche über Stall und Hof fallen kann, wenn die Schatten der Stillen Reiter, verhüllter Männer auf riesigen dunklen Pferden, plötzlich vor den Toren erscheinen. Die Kinder müssen dann ganz leise verharren, selbst wenn einer der Männer in ihrer Kammer erscheinen sollte, denn sonst würden sie im Schatten der Männer verschwinden wie in einem tiefen Brunnen. Verschwindet aber so gar ein anderes Kind, vielleicht sogar Bruder oder Schwester im Schatten der Männer, so darf nie wieder von diesem Kind gesprochen werden, damit es nicht selbst zu einem der Stillen Reiter wird und im nächsten Winter seine Freunde oder Geschwister zu sich holt!

Jeder Ladchoum verbringt seine Kindheit in ständiger Angst vor den Schweigenden Fischern. Diese vermummten Gestalten sollen im Winter in kleinen schwarzen Kufenbooten über das Eis reisen und Ausschau halten nach schlaflosen Kindern, die allein über das Deck ihres heimatlichen Floßes wandern. Die Schweigenden Fischer sollen dann einen silbrigen Nebel heraufbeschwören, in dem die wachen Kinder vollständig erstarren und von den Fischern wie kleine Statuen eingesammelt werden können. Hat ein Kind aber Glück und wird nur Zeuge einer solchen Mitnahme, während es sich selbst verbergen kann, so darf es fortan nur noch von dem verschwundenen Spielgefährten träumen, aber nie mehr zugeben, dass dieser je wirklich gelebt hat, denn sonst würden die Schweigenden Fischer auch ihn eines Nachts holen.

Pandharen sind kaum jemals bereit, gegenüber Dritten von den Märchen und Schauergeschichten ihrer Kindheit zu erzählen, aber in den seltenen Fällen, in denen sie einmal einem Albinomammut begegnen, verrät ihre instinktive Schockstarre die Erinnerung an die Geschichte des Stillen Sammlers. Der Stille Sammler soll während des dunklen Winters auf einem weißen Mammut mit roten Augen über die Arsali-Ebene reiten, immer auf der Suche nach Kindern, die merkwürdigen Schatten und Lauten in die Dunkelheit jenseits des elterlichen Lagers folgen. Manchmal werden andere Kinder gewahr wie einer ihrer Spielkameraden von einem lautlosen Schemen ins Dunkel gezerrt wird, aber sie können selbst nur hoffen, dass der Stille Sammler nie von diesem unerwünschten Zeugen erfährt, da er ihn sonst gewiss auch in die Finsternis der winterlichen Arsali entführen würde.

 

 

Stimmen des Nordens

„Ich wusste, was es bedeutete, als mein Großonkel – ich erkannte die Stimme auch durch die Maske – mir den Umhang umlegte und den Sack in die Hand drückte. Es gab immer Gerüchte, dass die „ehrenwerte Tradition“ über die Linie meiner Mutter weitergereicht wurde. Ich wollte sie nur nicht wahrhaben. Er hatte sogar Recht: ich hatte schon früh bei einigen Menschen – und sogar Tieren – so eine Art grauen Schleier bemerkt, der sie umgab. Ich bin weder Seyder noch Galder, aber ich verstand, dass etwas oder jemand an oder in ihnen wohnte und wuchs. Drei Winter lang tat ich meine Pflicht. Dann standen wir auf einmal vor Gorstens Haus. Mein bester Freund. Als ich sah, wie mein Großonkel den kleinen Herrebrand in den Sack stopfte, drehte ich mich um und rannte los. So wie ich das sehe, renne ich immer noch…“

Herrebrand Varngord im „Würfelbrunnen“ in Nephelin

 

 

Die verschiedenen Varianten zum Thema „Stille Männer“ existieren im Norden nicht nur in Form von Legenden schon seit Jahrtausenden. Möglicherweise geht die damit verbundene Tradition auf eine Art staatlicher Institution oder sonstiger öffentlicher Einrichtung zur Zeit des Bhaltarischen Reiches zurück. Jedenfalls scheint es so zu sein, dass in bestimmten Gegenden des Nordens – dazu mögen nicht nur besonders einsame Regionen gehören, sondern auch die Umgebung gewisser uralter Ruinen oder besonders bizarr anmutender Landschaftsmerkmale – immer wieder mal Kinder von seltsamen Wesenheiten oder Präsenzen „befallen“ werden, die nicht unbedingt als „Geister“ qualifizieren, mit denen sich Seyder oder Galder für gewöhnlich befassen. Ob diese Entitäten vielleicht ferne Echos längst vergangener Malmstürme, spirituelle Abbilder besonders traumatischer Ereignisse oder sogar Überreste uralter intelligenter Waffen oder Nachwirkungen einst fehlgeschlagener daemonologischer Beschwörungen sind, ist dabei in den Kreisen der wenigen interessierten Gelehrten ebenso umstritten wie unklar. Jedenfalls gibt es in vielen Völkern und Gebieten bestimmte Familien, in denen offenbar eine gewisse Sensitivität für solche „Infektionen“ existiert. Diese Familien bilden dann oft seit vielen Jahrhunderten eine Art Geheimbund, dessen Mitglieder sich zur Aufgabe machen, diese meist im Winter und während des Silberneumonds auftretenden Fälle durch simple Extraktion und Exekution der betroffenen Kinder zu „behandeln“. Seyder und Galder ignorieren diese Praxis geflissentlich und betrachten solche Angelegenheiten gemeinhin als ebenso unappetitlich wie unter ihrer Würde. Es soll allerdings hier und dort einige seltene Ausnahmen geben. Angeblich handelt es sich bei diesen sogenannten „Brutsuchern“ stets um Seyder oder Galder, denen die unerfreuliche Ehre zu teil wurde, persönlich dem zu begegnen, was nach einigen Jahrzehnten aus einem entsprechend befallenen Kind werden kann…

 

Mögliche Aspekte

  • Als die Stillen Männer kamen
  • Das war nicht mehr dein Sohn
  • Es war bestimmt nur ein Traum

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