Das Drumherum

Inspirationen für Malmsturm: Sprague de Camps Poseidonis

Lyon Sprague de Camps »Pusadian Tales«. Oder: Atlantis mal anders

 

Heute schlagen wir mal wieder ein weiteres Kapitel von »Inspirationen für Malmsturm« auf! Vielen von euch dürfte der Name Lyon Sprague de Camp ein Begriff sein. Immerhin hat der gute Mann in seinen knapp 93 Lebensjahren so einiges an klassischer Fantasy und Science-Fiction verfasst. Darunter nicht wenige Conan-Geschichten, denn de Camp zählte zu jenen Autoren, die die Saga um den berühmtesten Barbaren der Fantasy-Literatur nach dem Tode von Robert E. Howard weitersponnen. Diese Conan-Storys wollen wir euch in diesem Artikel allerdings nicht vorstellen. Stattdessen geht es um eine von de Camps ureigenen Schöpfungen: das pusadische Zeitalter. Wer jetzt denkt: Hui, das klingt aber ganz ähnlich wie »hyborisches Zeitalter«, der liegt goldrichtig ‒ Pusad (oder Poseidonis) ist nämlich sowas wie de Camps Antwort auf das hyborische Zeitalter. Dazu müssen wir etwas weiter ausholen: Als Altmeister Howard sein hyborisches Zeitalter erfand, würfelte er so ziemlich alle historischen Epochen zusammen, die er für seine Stories brauchte, und bastelte damit, wenn man so will, eines der ersten Fäntelaltersettings der Literaturgeschichte.  

De Camp war zwar ein Fan von Howards Werk (klar, sonst hätte er keine Conan-Geschichten verfasst), aber auch studierter Ingenieur, Dozent und Sachbuchautor. Anders als Howard hatte de Camp enorm viel Know-How über die irdische Antike. Er verfasste nicht nur Sachbücher über antike Architekturwunder und die damit verbundenen Mythen, sondern auch »Lost continents: the Atlantis theme in history, science, and literature«, ein Buch, das lange Zeit ein Standardwerk der Atlantisforschung war (der seriösen, kulturgeschichtlichen Variante und nicht der Sorte Pseudowissenschaft mit Marsmännchen oben drauf).

Mit so viel Fachkenntnis geschlagen, und wohl etwas genervt vom wild zusammengetackerten hyborischen Zeitalter machte sich de Camp Anfang der 50er daran, seine eigene Sword-and-Sorcery-Version der irdischen Frühgeschichte zu entwerfen. Nach dem Roman »The Tritonian Ring« von 1951 entstanden sieben Kurzgeschichten, die alle im »pusadischen Zeitalter« spielen. Beim Schreiben ließ er etliches von seinem Wissen einfließen und hielt sich, Götter und Zauberei mal beiseitegelassen, an den Forschungsstand der beginnenden 50er. Das pusadische Zeitalter ist das, was nach de Camp vielleicht am ehesten der Ursprung späterer Atlantismythen hätte sein können.

Oberflächlich betrachten ähnelt das pusadische Zeitalter dem hyborischen schon ziemlich stark. Ein irdisches Zeitalter vor der bekannten Geschichtsschreibung. Ein Sammelsurium von barbarischen und weniger barbarischen Königreichen. Reichlich rüder Mord und Totschlag. Städte mit exotischen Namen. Eine Landkarte, die heftig von der heutigen abweicht. Die Clous stecken allerdings im Detail! De Camps fiktive Welt wird nicht immer wieder durch irgendwelche Katastrophen heimgesucht und umgeformt. Stattdessen spielt das Ganze während einer der letzten Eiszeiten. Daher ist der Meeresspiegel niedriger und es gibt Landmassen, die es heute nicht mehr gibt. Das gab es ja auch real, z. B. mit dem heute versunkenen Doggerland. Schmelzen die Gletscher, saufen etliche der pusadischen Reiche langsam aber sicher ab. Die Kulturen, die sich in Pusad herumtreiben, sind so konzipiert, dass sie glattweg direkte Vorläufer echter irdischer Kulturen sein könnten. Die Euskarier sind Vorfahren der Basken, das tartessianische Reich ist vielleicht sogar direkt das historische Tartessos in Spanien, Aremoria klingt nicht nur zufällig wie Aremorica usw. Sogar bei einigen der Götter Pusads könnte man glauben, dass sich aus ihnen mit der Zeit die historischen Götter der Antike entwickelt haben. Ein weiterer Pfiff Pusads ist, dass das Setting sich konsequent zwischen Bronze- und beginnender Eisenzeit bewegt. Die Königreiche sind für heutige Begriffe klein und überschaubar, statt Geld gibt es »Handelsmetall« oder Tauschhandel, und Schwerter muss man nach dem Fechten erst einmal ausbeulen.

Das klingt jetzt alles reichlich trocken. Vielleicht haben wir auch schon ein paar von euch damit verscheucht. Trocken sind die Geschichten um Pusad allerdings nicht. Ganz im Gegenteil. Neben seinem Wissen über die echte Antike ließ de Camp nämlich auch einiges an Humor einfließen. Pusad mag auf den ersten Blick wirken wie ein ganz klassisches Sword-&-Sorcery-Setting ‒ die üblichen Konventionen der Sword & Sorcery dreht de Camp allerdings an diversen Ecken und Enden auf links! Das fängt schon bei den Hauptfiguren seiner Geschichten an, von denen es drei gibt, da die Menge an Pusad-Geschichten leider recht überschaubar ist. Bei keiner der Hauptfiguren handelt es sich um einen typischen Conan-Abklatsch.

 

Derezong Taash, der Hofzauberer des Königs von Lorsk, ist zwar ein kompetenter Magier, aber auch ein eher friedlicher Genussmensch. Auf Abenteuer zieht er nur deswegen aus, weil er um den Verlust seines gemütlichen Lebens bei Hofe fürchtet.

 

Gezun, der in mehreren Geschichten auftaucht, ist zunächst Zauberlehrling und dann ein umherwandernder Abenteurer, den man am Besten als »Taugenichts« beschreibt. Seine Hauptinteressen sind Mädchen und Essen ‒ in dieser Reihenfolge.

 

Prinz Vakar ist ein adeliger Krieger, wäre aber lieber ein studierter Philosoph. Außerdem ist er mitunter eine arrogante Arschgeige, insbesondere seinem Sklaven Fual gegenüber.

 

Zwar können zwei der drei, Vakar und Gezun, in Kämpfen auch ordentlich austeilen, alle neigen aber eher dazu, ihre Probleme mit mehr oder weniger listigen Plänen zu lösen. Plänen, die gerne mal spektakulär scheitern. (Intrigen, die scheitern, und Pläne, die nach hinten losgehen, sind geradezu ein zentrales Grundthema in den Pusad-Geschichten) Gerade Gezun zeichnet sich dadurch aus, sich ständig selbst in die Pfanne zu hauen, und selbst der kämpferischste der drei, Prinz Vakar, ist sich nicht zu schade, sich in besonders gefährlichen Situationen auch mal kommentarlos zu verpissen. Das allein sorgt schon für etliche schräge Situationen, aber es kommt noch besser. Die meisten Pusadier sprechen sehr höflich und gewählt. Dadurch wirken sie erst einmal recht … kultiviert. Allerdings ist das wohl nur dazu da, damit es krasser wirkt, wenn, meist ganz nebenbei, rausgestrichen wird, wie strunzprimitiv das pusadische Setting eigentlich ist. Dass Charaktere über dreistöckige Gebäude staunen, Brücken, die länger sind als Baumstämme, als architektonische Wunder gelten, Premierminister am laufenden Band exekutiert werden und am Hofe manches Königs nur zwei Leute lesen können, soll hier mal als Beispiel reichen. Typische Klischees der Sword & Sorcery werden je nach Geschichte stückchenweise demontiert, oder besser mal anders beleuchtet:

 

Die Götter sind weit davon entfernt, die üblichen »Eldritch Abominations« zu sein. In “The Tritonian Ring” bekommt man um die Ohren gehauen, dass sie aus dem Glauben der Menschen entstehen (das ist mal ziemlich nah am Malmsturmgedanken) ‒ und sich auch entsprechend fehlerbehaftet verhalten. Die wirklich coole Endpointe des Romans verraten wir euch hier aber nicht. (OK, aber wir verraten euch dafür, dass es eigentlich sogar zwei coole Endpointen in diesem Buch gibt!)

 

In »The Hungry Hercynian« schafft es de Camp die Trope um die klassische »Damsel in Distress« gleichzeitig voll durchzuziehen UND zu demontieren.

 

In »Ka the Appalling« werden die in der Sword & Sorcery allseits als Bösewichte beliebten Menschenopferkulte mal von einer völlig anderen Seite gezeigt: Es geht um die Querelen innerhalb eines, rein aus Profitgier gegründeten, neuen Kultes ‒ wie immer mit einer schicken Überraschung am Ende. (Wer bei Malmsturm imperiale Priester spielen will, sollte diese Geschichte mal gelesen haben!).

 

In »The Eye of Tandyla« wird das Scheitern von Plänen fast schon auf die Spitze getrieben. Derezong Taash wird von seinem äußerst unberechenbaren König mit dem Diebstahl eines seltenen Juwels beauftragt, was zu einer ganzen Serie verschiedenster Pannen führt.

 

Außerdem bieten die Pusad-Geschichten eine überraschend schlüssige Erklärung dafür, warum es in der Vorzeit der Erde Magie gab und heute nicht mehr. Was ist wohl das potenteste, antimagische Material, das man kriegen kann? Das Zeug, vor dem selbst die Götter sich fürchten? Schlichtes Eisen …

 

Wenn euch also der Sinn nach Sword & Sorcery steht, in der die Dinge mal einen Tick anders angegangen werden, schnappt euch die Pusad-Geschichten! Auf Deutsch sind sie, soweit wir wissen, momentan nicht aufgelegt. Allerdings sind einige der Geschichten Anfang der 80er mal in der Reihe »Terra Fantasy« erschienen. »The Tritonian Ring« ist als »Terra Fantasy 71: Der Prinz von Poseidonis« erschienen und in »Terra Fantasy 43: Die Chroniken von Poseidonis« sind einige der Kurzgeschichten abgedruckt. In vielen Antiquariaten kriegt man diese Bändchen auch heute noch für wenig Geld.

 

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