Die Fragmente

Malmsturm – Die Fragmente: Lebende Trugbilder – von Kopfkindern, Sammlerpilzen und anderen gut getarnten Gefahren des Imperiums

Mit ihrer verordneten Ignoranz gegenüber allen ausländischen, fremden und schlechthin „barbarischen“ Phänomenen hat die Ära des Exzellenten Exils in vielen wissenschaftlichen Disziplinen Verheerungen angerichtet  –  besonders aber in den Bereichen von Geologie, Geographie und Biologie. Nur hier und dort findet sich noch fundiertes Wissen über die Wesen und Länder fernab der Grenzen des alten Imperiums. Dennoch gibt es in manchen Türmen immer noch Gelehrte, die sich sogar ein gewisses Verständnis der biologischen Evolutionstheorie bewahrt haben, welche in früheren Zeitaltern des Imperiums bemerkenswert gut entwickelt und verstanden wurde. Einer der Gründe für dieses Interesse an der Entwicklung der Arten ist wohl seit jeher das enorme Alter des Reiches selbst. Zählt man das Reich der Polyarchen oder gar das legendäre Erste Imperium mit, so wird das heutige Gebiet des Imperiums seit einigen Dutzend Jahrtausenden durch urbane menschliche Zivilisationen geprägt. Selbst unter weniger instabilen Umständen, als sie in der Welt von Malmsturm vorherrschen, hätte dies signifikante Auswirkungen auf die Entwicklung von Flora und Fauna gehabt, doch angesichts einer von Magie, Wünschen, Legenden und unbewussten kollektiven Erwartungen formbaren Wirklichkeit nahm hier die Evolution in vielen Fällen einen drastisch beschleunigten Verlauf – mit einer unverkennbaren Tendenz zu „dramatischen“ oder zumindest bizarren Ergebnissen. Das bekannteste derartige Phänomen ist dabei auch besonders für unvorbereitete Besucher des Imperiums gefährlich: die Gelehrten nennen es manchmal neotene Mimikry und gemeint ist schlicht die Ausformung oder Vortäuschung von extrem menschenähnlichen Lauten oder Formen, die den Stimmen, bzw. den Gesichtszügen von Kindern entsprechen. Die bekanntesten Fälle treten bei gewissen Unterarten der Aghoulé und der Nacktratten auf und sind gemeinhin als Kopfkinder und Hungerbabies bekannt. Kopfkinder sind scheinbar humanoid deformierte Aghoulé, deren Fell nahezu unerkennbar kurz wächst und deren großäugige Gesichter und kugeligen Schädel dem Antlitz eines menschlichen Kleinkindes so sehr ähneln, dass man sie instinktiv beschützen und versorgen will – und angeblich halten sich manch wohlhabende Bürger solche Exemplare ganz wie eigene Kinder! Das kurze Fell von Kopfkindern ist außerdem oft hautfarben oder sogar mit Mustern versehen, die das Vorhandensein einfacher Kleidungsstücke vortäuschen. Vor allem im Halbdunkel nächtlicher Städte werden Gruppen von Kopfkindern häufig für verwahrloste Banden von sehr jungen Straßenkindern gehalten, die in einem leisen unverständlichen Kauderwelsch miteinander tuscheln und ebenso lichtscheu wie diebisch sind. Dabei wirken Kopfkinder selbst auf sonst hartherzige Gesellen ungemein mitleiderregend, so dass sie nicht nur selten ernsthaft verfolgt werden, sondern oft sogar Essensreste und kleine Münzen hingeworfen bekommen. Natürlich sind die Münzen für die Aghoulé nutzlos, aber sie nehmen sie dennoch meist an sich, auch wenn niemand den Grund dafür kennt. Ansonsten gelten die Kopfkinder als verhältnismäßig harmlos – ganz im Gegensatz zu den Hungerbabies: diese unterscheiden sich in Erscheinung und aggressivem Verhalten kaum von gewöhnlichen Nacktratten. Darüber hinaus zeichnen sich Hungerbabies durch ihre Fähigkeit aus, das Weinen und Schreien hungriger, verletzter oder kranker menschlicher Kleinkinder mit einer geradezu unheimlichen Genauigkeit und Glaubwürdigkeit nachzuahmen. So genau, dass schon ganze Trupps erfahrener Kanalarbeiter instinktiv in irgendwelche dunkle Tunnel rannten, um offenbar in Not geratene Kinder zu retten, nur um dann in den Hinterhalt einer gierigen Horde von Nacktratten zu geraten, die selbst im Kampf noch wie kleine Kinder weinten und schrien, wenn sie verletzt wurden!

 

 

Stimmen des Imperiums

„…ich habe wenigstens zwei erfahrene Karawanenführer getroffen, die selbst einmal diese sagenhafte Oase der schweigenden Jungfrauen erblickt haben – und beide verloren den überwiegenden Teil ihrer Männer an diesen wilden Garten, in dem am Ende nur die Schreie der Todgeweihten und das widerliche Schmatzen ihrer Mörder wirklich waren…“

Thamambres der Stoplerer, Säufer mit unklarer Vergangenheit, irgendwo in Melinoe

 

Außerhalb der gewaltigen Städte des Imperiums erwarten viele unerfahrene Reisende kaum nennenswerte Gefahren – von Schlangen, Skorpionen, Staubstürmen, Wegelagerern und diebischen Karawanenführen einmal abgesehen. Die trockene Ödnis zwischen den Städten beherbergt jedoch einige besonders tödliche Bedrohungen, von denen Bildweiber und Sammlerpilze wohl die heimtückischsten sein dürften. Sammlerpilze haben sogar schon ganze Karawanen getötet, denn bei ihnen handelt es sich auf den ersten und zweiten Blick um ganz gewöhnliche – höchstens ein wenig zu idyllisch erscheinende – kleine Oasen! Diese beinhalten immer einen kühlen Teich mit klarem Süßwasser, der meist im Schatten einiger umgebender Palmen liegt. Blumen und Büsche mit appetitlichen Beeren und Nüssen prägen den Rest der grünen Zuflucht, die oft inmitten besonders menschenfeindlicher Wüstenregionen liegt. Leider ist nichts davon, was es zu sein scheint. In Wahrheit handelt es sich bei der gesamten Oase um eine enorme Pilzkolonie, die in Symbiose mit gewissen Mikroorganismen direkt oberhalb einer natürlichen Wasserquelle lebt. Die eigentliche Quelle liegt dabei oft sehr tief unter der Oberfläche, von wo ein feines Kapillargeflecht die Flüssigkeit nach oben zieht und in dem Teich der „Oase“ sammelt. Die „Oase“ ihrerseits besteht aus täuschend echt nachgebildeten Pflanzen, aus denen permanent feine Schwaden beruhigender Duftstoffe aufsteigen, die Menschen ein Gefühl von Geborgenheit und Glück vermitteln. Die eigentliche Todesfalle ist jedoch das Wasser des Teiches, in dem geschmack- und geruchlose Gifte gelöst sind, die Menschen und Tiere gleichermaßen in einen tiefen Schlaf sinken lassen, aus dem sie nie wieder erwachen. Denn sobald der Sammlerpilz regungslos liegende große Körper registriert, wachsen in wenigen Stunden dichte Fressfäden über die Opfer, so dass diese im Verlauf der folgenden Tage langsam, aber unaufhaltsam erst ausgesaugt und dann bis zur völligen Zersetzung verdaut werden können! Die sogenannten Bildweiber  sind hingegen ein ähnlich tödliches, aber sehr viel rätselhafteres Phänomen, bei dem keinerlei Einigkeit unter den Gelehrten zu ihrer wahren Natur herrscht – ja, es mag durchaus sein, dass diese Wesen wirklich nur einer Reihe alter Legenden entsprungen sind. Man erzählt jedenfalls folgendes: In einsamen Wüstenregionen, in Ruinen oder manchmal auch am Rande kleiner Dörfer und außerhalb einiger Karawansereien sieht man angeblich gelegentlich schweigsame, doch wunderschöne nackte – oder nur mit einem Fetzen bekleidete – junge Frauen und Mädchen, die sich meist nur einem einzelnen Mann zeigen. Sie locken diese Männer an und spielen häufig eine Art Versteckspiel mit ihnen, bei dem sie ihr Opfer immer weiter in die Wildnis locken, es aber nie nahe an sich heran lassen. Irgendwann hat der Mann sie dann plötzlich völlig aus den Augen verloren – nun ist es egal, ob er weiter nach der Schönheit sucht oder lieber aufgeben und umkehren will: kurz darauf wird das Bildweib ihn aus einem Versteck heraus anspringen und zu Boden reißen. Dann erst erkennt das Opfer, dass das Bildweib eine Art großer Wurm oder Egel zu sein scheint, dessen menschenähnlicher Scheinkörper nur ein bewegliches Farbmuster auf der chamäleonartigen Haut der Kreatur ist. Der eigentliche Leib des Bildweibes öffnet sich darauf der Länge nach, um ein riesiges obzönes Maul zu offenbaren, in dessen tausende Reihen kleiner Zähne die Beute jetzt hinein gesaugt wird…

 

 

Schriften des Imperiums

…die jüngst wieder recht beliebte Theorie der Irrform als Krankheit oder Infektion lässt sich nach meinen extrem gründlichen Untersuchung von 109 Testobjekten nicht hinreichend belegen. Es ist aber korrekt, dass offenbar einige Stammbaumlinien innerhalb der Irrformen eine merkwürdige Affinität für ganz bestimmte Parasiten und Krankheitserreger zu besitzen scheinen (s. Appendix II). Bei den oben erwähnten Pseudogynen handelt es sich hingegen wohl weniger um Irrformen, als vielmehr um eine kaum verstandene Hybridform gewisser Kopffüßer und Gastropoden, deren übergroße Raspelzunge…

Auszug aus Elqunar Drelkaez‘ Kurzer Traktat zur Theorie der Irrform als Seuche

 

 

Eine zwar seltene, aber keineswegs bloß legendäre Variante gefährlicher Mimikry menschlicher Erscheinungsformen findet sich schließlich im Umfeld der berüchtigten Irrformen. Viele halten dieses Phänomen zwar für eine angeborene Eigenschaft der jeweiligen Irrform, aber gewisse imperiale Gelehrte – vor allem Anhänger der „alten Schule“, die auch nichts gegen eine gelegentliche Vivisektion haben – wissen es besser: Manche Irrformen, bevorzugt solche, die weitgehend menschlich wirken, werden von einer ganz spezifischen Form einfachster Flechten oder Moose befallen. Diese Flechten verwachsen nicht nur mit dem Haupthaar der Irrform, sondern bilden auch seltsame Pseudowurzeln, die durch die Schädeldecke bis in das eigentlich Hirn des Trägers reichen. Innerhalb weniger Tage nimmt das Gebilde dann meist die Form und Gestalt einer normalen Kopfbedeckung an – ob Hut, Kappe, Kapuze oder Turban ist dabei gleichgültig. Es soll aber auch Fälle geben, in denen es „nur“ zu einer massiven Verschönerung und Verlängerung des eigenen Haares kommt, so dass der Befall durch die oft als „Hutblumen“ bekannten Flechten kaum feststellbar ist. Die Irrform entwickelt danach in jedem Fall ein starkes Verlangen nach großen Menschenmengen, Körperwärme und jeder Art von Gedränge. Kommt sie dort auf Tuchfühlung mit einem normalen Menschen, so reichen fast unsichtbare durchsichtige Auswüchse aus dem „Hut“ und beginnen damit, den Hautschweiß dieser Person abzusaugen. Bald darauf spürt das Opfer dann eine große Sehnsucht nach erneutem Kontakt mit derselben Irrform – oft wird dies als Verliebtheit verstanden und führt in kurzer Zeit zur Bildung regelrechter Harems um so befallene Irrformen herum! Wo man einiges über Hutblumen weiß, kommt es allerdings auch oft zu Lynchjustiz bei der Entdeckung derartiger Harems – schlicht, weil sie „gesunden“ und „normalen“ Familien quasi über Nacht eine Generation von Irrformen bescheren können. Die Irrformen sind sich ihrerseits dieser Gefahr zwar sehr wohl bewusst, nehmen sie aber oft gerne in Kauf, eben um in ihren eigenen Familien eine zunehmende „Entmenschlichung“ zu verhindern. Dass aus einigen Hutblumenharems einst Personenkulte  entstanden, welche inzwischen zu respektablen und einflussreichen Religionen des Imperiums wurden, ist allerdings gewiss nur bösartige Propaganda…

 

Mögliche Aspekte

  • Es sind doch nur Kinder!
  • Das Böse ist nichts als das Gute, gequält von seinem eigenen Hunger und Durst.
  • Zu schön, um wahr zu sein…

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