Die Fragmente

Malmsturm – Die Fragmente: Ladchoum und Nikker

„Glaub nie, das diese griesgrämigen Wilden leichte Beute wären. Nie! Ich weiß noch genau, wie wir damals eines ihrer Fischerboote aufbringen wollten – der Kerl an Bord sah uns. Aber statt zu seinem Speer zu greifen, fing der einfach an, auf einer Querflöte irgend ein geisterhaftes Gekreische zu spielen. Dachten ja erst, der spielt so scheußlich, weil er uns mit den schrillen Misstönen verscheuchen wollte. Wenige Wimpernschläge später wussten wir dann, was er wirklich vor hatte. Das Wasser begann plötzlich zu kochen….“

Yorl Ohnebein, ehemaliger Eispirat und Geschichtenerzähler in den Hafentavernen Swinsangers.

„Was Nikker sind, wollt ihr wissen, Kinder? Nichts leichter als dies – früher, in ferner Zeit als das Wünschen noch geholfen hat, begehrte der König der Seelöwen das Herz einer wunderschönen Prinzessin, die am Rande unseres Nebelmeeres lebte. Da der König aber ungeschlacht und hässlich war….“
Aus einem alten Thuulmärchen

Dass die Ladchoum ihrer nomadischen Lebensweise wegen eine besondere Beziehung zu Eis und See hegen, ist Land auf Land ab bekannt. Denn wer auf einem Dhukor lebt, tut gut daran, Wind, Wetter und Wasser gut einschätzen zu können. Andernfalls könnte das ganze Floßdorf eines Tages dem Untergang geweiht sein. Doch nicht nur mit Naturgewalten kennen sich die Ladchoum trefflich aus, sondern auch mit den vielen Tieren des Nebelmeeres. Es gibt kaum einen Fisch des großen Binnengewässers, der dem Stamm unbekannt wäre – die Seenomaden erkennen selbst Arten, die den sesshaften Küstenbewohnern vollkommen unbekannt sind. So sind die Ladchoum auch die einzigen, die die sagenumwobenen Nikker jagen und fangen können. Sie schicken Harpuniere auf kleinen Booten aus, die anhand kleinster Wellenbewegungen erkennen können, wenn eine Nikker-Herde in der Nähe ist. Dann erlegen sie eines der großen Tiere und schleppen es unter Gesängen zu ihrem Dhukor, wo der Nikker ausgenommen, sein Fleisch und sein Bein verarbeitet und sein Fett zu Tran verkocht wird. Viele Dhukor leben von der Jagd auf das Tier, dessen genaue Natur für Nicht-Ladchoum oftmals ein Rätsel ist. Die einen sagen, Nikker wären eine Art seltener Riesenrobbe, die anderen sagen es handele sich bei ihnen um gigantische Fische. Wieder andere behaupten, es wäre eine hässliche Tarngestalten, die Seejungfrauen annehmen, um ihre Ruhe vor neugierigen Seefahrern zu haben. Eine vierte, verbreitete Version ist, dass Nikker dämonische Seeungeheuer sind, die arme Seeleute auf lanzenartige Krallen spießen und sie hinunter in irgend eine Hölle siehen. In jeder Version, die am Ufer erzählt wird, ist der Nikker überaus unheimlich und hat zwei Hörner oder Fangzähne. Die Ladchoum wissen als einzige, dass Nikker weder Robbe noch Fisch sind, sondern eine Mischform aus beidem. Ihre Hinterflosse ist waagerecht wie bei einer Robbe und sie gehen nie an Land, wie ein Fisch. Die beiden „Hörner“ sind lange Zähne, die nach hinten aus dem Maul ragen. Der linke Zahn ist stets wesentlich länger als der rechte und kann bis zu zwei Schritt lang werden. Ein Nikker kann bis zu fünf Schritt Länge erreichen. Besonders kundige imperiale Gelehrte könnten vielleicht feststellen, dass die Nikker Verwandte der großen Wale sind, die in den grenzenlosen Ozeanen des Südens zu hause sind. Einstmals muss es einige von ihnen in das Nebelmeer verschlagen haben, wo ihre Entwicklung einen ganz anderen Weg nahm als die der Wale im Süden. Die thuulischen Fischer des Nebelmeeres sehen Nikker nur selten und undeutlich, da sie die meiste Zeit ihres Lebens unter Wasser verbringen und aufgrund ihrer Größe mit den Netzen der Thuul nicht gefangen werden können. Daher der Nimbus des Mysteriums. Für die Ladchoum ist der Nikker kein Mysterium, sondern ein heiliges Tier. Sowohl Sinnbild für das Nebelmeer als auch der Lieferant wertvoller Rohstoffe, die ihre schwimmenden Dörfer dringend brauchen. Der schwermütige Stamm bringt den seltsamen Tieren einen immensen Respekt entgegen und bindet die Jagd in eine ganze Reihe von Jagdritualen ein. Nur zu bestimmten Zeiten darf eine bestimmte Zahl von Nikkern erlegt werden. Wenn ein Tier getötet wurde, stimmen die Harpuniere Gesänge an, die den getöteten Nikker und seine Herde gnädig stimmen sollen. Einige Ladchoum behaupten denjenigen gegenüber, denen sie vertrauen, dass ihr Stamm und die Nikker so etwas wie Brüder seien. Sowohl Ladchoum als auch Nikker seien vom selben Schwermut beseelt und beide wären in der Kunst des Gramspinnens bewandert. Einige Weise der Ladchoum behaupten sogar, die Nikker wären wären einmal ihre Brüder gewesen. Während die Ladchoum über den Wellen blieben, seien die Nikker unter die Wellen gegangen und hätten sich dort in die riesigen Wassertiere verwandelt. Und weil die beiden „Stämme“ Brüder seien, würden die Nikker den Ladchoum helfen, indem sie ihnen ihr Fleisch, ihren Tran und ihr Bein geben. Davor müssten die Jäger der Ladchoum aber erst beweisen, dass sie würdig seien, die Gaben des Nikkers anzunehmen. Diesem Zweck dient die Jagd auf den Nikker.
Tatsächlich scheint zwischen den Nikkern und den Ladchoum keinerlei Feindschaft zu bestehen. In der Nähe von Dhukors lassen sich Nikker wesentlich öfter sehen, als anderswo. Es geht sogar noch weiter. Einige Stammesälteste können auf speziellen Querflöten, die aus dem langen Zahn eines Nikkers geschnitzt werden, die selben schrillen Töne erzeugen, mit denen sich die Nikker verständigen. Sie behaupten, auf diese Weise mit den Nikkern sprechen zu können. Unzweifelhaft haben die Töne der Nikkerzahnflöten einen Einfluss auf Nikker. Man kann Herden damit herbeirufen, beruhigen oder in Zorn versetzen. Es geht die Mär, dass Ladchoum dies auch gezielt als Waffe einsetzen können, wenn ihr Dhukor bedroht ist. Schon manch ein Eispirat, der versuchte ein scheinbar unverteidigtes Floßdorf zu überfallen, wurde unvermittelt von einer Herde Nikker vernichtet, nachdem aus den ledergedeckten Hütten geisterhaftes Pfeifen erklungen war.

Aspekte:

  • Die Stimmen des Nebels
  • Unsere schwimmenden Brüder
  • Ein Instrument mit Biss

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