Die Fragmente

Malmsturm – Die Fragmente: Flammenformer – die geheime Tradition der Ilmarer

Schriften des Imperiums

Leider gelang es mir in den langen Jahren meiner Reise durch den barbarischen Norden nicht, die rätselhaften Priester zu finden, von denen Tzyrembes der Ältere berichtete. Diese Pyromanten scheinen selbst den sogenannten Gelehrten am Rand des nordischen Binnenmeeres unbekannt zu sein, so dass wir sie wohl zu der langen Reihe von Tzyrembes‘ Ausschmückungen hinzufügen müssen…

Maqild Banul, aus einem Brief an seinen Lehrer Inuz von Anosia

Es mangelt im Norden nicht an üblen und überwiegend falschen Vorurteilen über die angeblich feigen und unwissenden Ilmarer, die nur ungern jagen und lieber ihre Halbschwestern und Vettern heiraten als ihre unterirdisch angelegten Dörfer zu verlassen. Tatsächlich wissen viele der Kaukonen, wie sie sich selbst nennen, nicht viel von den Ländern fernab ihrer Hütten, aber selbst diejenigen, welche etwa die verbreiteten Schmähreden und Witze über ihr Volk kennen, sind meist nicht geneigt, gegenüber Fremden wirklich viel von den eigentlichen Verhältnissen in ihren Erdhäusern und Tunneln zu erzählen. Dies Wortkargheit wird von Außenstehenden natürlich oft als Beleg für die beschränkten sprachlichen und geistigen Möglichkeiten der Kaukonen verstanden, aber anders als manch andere Völker des Nordens sind diese nicht leicht zu beleidigen und schweigen auch dazu. Nur wenige erfahren daher je von den wahren Sitten und Gebräuchen dieser Menschen – und das gilt insbesondere für das Phänomen der sogenannten Feuerformer. Vor langer Zeit, noch bevor die Herrschaft des Bhaltarischen Reiche über die Küsten des Nebelmeers begann, sollen die Männer und Frauen dieses geheimnisvollen Ordens die stolzen Anführer der Kaukonen gewesen sein, doch heute existieren sie bloß noch als verstreuter Geheimbund, welcher nur in besonders entlegenen Siedlungen im Kaukonagebirge anzutreffen ist. Die Flammenformer folgen einer seltsamen Mischung aus Religion und Philosophie, die von einem existenziellen Prinzip, einer Art Ur-Element ausgeht, das als Tejasta bezeichnet wird. Tejasta war und ist das erste und einzige, das wahre Feuer, welches sich in sterblichen Sinnen nur indirekt zeigt: als Flamme, als Licht, als Wärme, als Sonne – aber auch als belebender und denkender Geist, als Leidenschaft und als buchstäblich erhellende Wahrheit. Auch wenn heute die meisten Kaukonen den Geistergeschichten der Galder lauschen und an die Mythen der alten Götter des Nordens wie Torngar und Asedna glauben, so sind die Flammenformer dennoch überzeugt, die ursprüngliche und wahre Religion ihres Volkes zu vertreten.

Stimmen des Nordens

„Das da oben in den Gletschertälern, das sind nicht nur Kannibalen. Nein, die halten ihre Abscheulichkeiten auch noch für heilig und beten vor den Kochfeuern und stecken selbst ihre eigenen Kinder manchmal in riesige Kochkessel!“

Hulverg der Fette auf einem Fleischmarkt im Valgrind

Ihrer Überlieferung nach lebten ihre ältesten Ahnen dereinst in einem fernen Land auf der anderen Seite der Welt, wo Tejasta alles und jeden durchdrang und mit Wärme und Weisheit erfüllte. Dort herrschte ewiger Sommer und die Städte und Straßen waren selbst nachts taghell erleuchtet: die Menschen waren klug, die Tiere freundlich, die Bäume und Felder trugen im ganzen Jahr Frucht und niemand kannte Hunger oder Krankheit – ja, selbst wärmende Kleidung war dort weder nötig noch bekannt. Die Menschen dort schätzten aber glänzende Metalle und Kristalle, in denen sie das Funkeln von Tejasta erkannten, weshalb einige von ihnen immer weiter reisten und immer tiefer gruben, um mehr davon zu finden. Dabei sollen sie einen Ort erreicht haben, der so dunkel und leblos war, dass sie langsam Tejasta vergaßen und sich mehr und mehr mit den Geheimnissen der Nacht und des Abgrundes befassten. Als sie dann aber mit ihren Schätzen heimkehrten und Ehre und Dankbarkeit erwarteten, da wandten sich ihre Brüder und Schwestern voller Abscheu von ihnen ab, denn kalt und düster waren ihre Seelen geworden – so düster, dass sie nicht mehr die Wahrheit ihrer Geschwister erkennen konnten, sondern nur noch eisige Enttäuschung und hungrige Mordlust verspürten. So kam es zum Kampf und Tausende starben, die siegreichen Getreuen von Tejasta aber waren selbst dann nicht bereit, ihre nun wehrlosen Feinde kaltblütig zu töten. Daher wurden diese in kleine Boote gesetzt, welche sie nach langer Fahrt in ein Land aus Frost und Finsternis brachten. Dort sollten sie und ihre Kinder und Kindeskinder büßen und lernen Tejasta wieder zu lieben und zu ehren – bis sie eines Tages würdig wären, in die gesegnete Heimat zurückzukehren.

Stimmen des Nordens

„…vielleicht war ich damals halb tot, aber ich sag dir: Mitten im Schneesturm stand da plötzlich dieser Kerl – fast nackt, nur in Metall gehüllt, und um ihn verdampften Eis und Schnee einfach! Als er näherkam, da floh der Frost aus meinen tauben Gliedern und irgendwie brachte er uns dann sogar zu dieser Höhle mit der heißen Quelle – bevor er einfach wieder verschwand…“

Uldgar Ohrlos in einer Taverne am Amswardsee

In den Lehren der Flammenformer leben sie also in einer Art Vorhölle, die von etwas bestimmt wird das sie Tamashima, die elementare absolute Dunkelheit und Kälte des Leblosen und der Leere. Um diesem zu widerstehen, versuchen sie also durch endlose Meditationen in glühendheißen Dampfkammern, rituelle Brandmarkungen und den Konsum besonderer Salze und tierischer Organe ihre Seelen und Körper in völligen Einklang mit Tejasta zu bringen. Auch heute noch sind diese Exerzitien nicht nur anstrengend und schmerzhaft, sondern tatsächlich in vielen Fällen tödlich, so dass im Lauf der Jahrhunderte immer weniger Anhänger diesem alten Weg treu blieben und inzwischen nur eine Handvoll Akolyten der Flammenformer jemals die obersten drei der fünf Stufen des Ordens erreichen. Wem dies jedoch gelingt, der – so sagen selbst ihre abtrünnigen Vettern an den Ufern des Septembrischen Meeres und in den milden Tälern an der Westflanke der Berge – tauscht einen Teil seiner sterblichen Hülle und seiner allzu menschlichen Seele gegen eine elementare Präsenz aus, die manchmal so mächtig ist, dass Galder und Seyder, welchen solchen Meistern des Ordens begegnen, oft zunächst glauben, sie ständen einer Art uraltem Geist gegenüber, der dauerhaft von einem menschlichen Körper Besitz ergriffen hat: nur, dass jeder Versuch eines Exorzismus zum Scheitern verurteilt ist, denn Tejasta ist dann ein unentwirrbarer Bestandteil des Flammenformers geworden. Die Gesamtheit möglicher Fähigkeiten der obersten Ordensränge scheint nicht einmal den Flammenformern selbst bekannt zu sein, aber die grundlegende Transformation, die zur Erlangung des dritthöchsten Grades erforderlich ist, besteht bereits darin, das Blut des Ordensmitglieds in eine brennbare Substanz zu verwandeln, die durch Willenskraft entflammt und selbst mit Wasser nicht gelöscht werden kann! Andere Ordensmeister sollen selbst weißglühenden Stahl gefahrlos handhaben, in völliger Dunkelheit sehen oder Feuer durch bloße Berührung in ihre Körper absorbieren können. Doch schon lange gelang es niemandem mehr, die höchste Ordensstufe zu erreichen, auf der es angeblich einst einigen Großmeistern möglich war, ihre Gestalt zeitweilig in eine lebende Flamme zu verwandeln oder das Licht selbst zu formen wie die Farben auf einem Gemälde…

Aspekte:

  • Flammen der Dunkelheit
  • More of Fire than Blood
  • Die 5 Lehren des Feuers

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