Die Fragmente

Malmsturm – Die Fragmente: Die weißen Pfade

Etliche Verst östlich von Nhastrand im Gebiet zwischen den Flüssen Gyhorn und Elyw liegen die Jilsenfelder. Eigentlich ein weitgehend unwichtiger Landstrich. Weder die Gegend selbst noch ihre Bewohner sind in irgend einer Weise sonderlich bemerkenswert. Lediglich die sogenannten „Weißen Pfade“, die sich über das hügelige Heideland erstrecken, geben den Jilsenfeldern eine besondere Note. Über ein rechteckiges Gebiet mit einer Kantenlänge von zehn und zwanzig Verst erstreckt sich ein verwirrendes Labyrinth dünner, weißer Pfade. Viele von ihnen wirken, als wären sie Trampelpfade, wieder anderen sieht man sofort an, dass sie von Menschenhand angelegt wurden. Die unzähligen Pfade verlaufen in sinnlosen Kurven und Schlingen über die sanft geschwungenen Hügel und keiner der Wege führt irgendwo hin. Der Zweck der Pfade ist vielen unklar. Ein verbreiteter Witz besagt gar, die weißen Pfade seien entstanden, weil die Hinterwäldler, die die Jilsenfelder bewohnen, einfach zu blöde seien, einen graden Weg anzulegen. Tatsächlich versteckt sich hinter dem Wirrwarr der scheinbar planlos angelegten Wege ein tieferer Sinn. Einen ersten Anhaltspunkt für diesen liefern die 16 Monolithen, die am Rand des rechteckigen Gebietes aufgestellt wurden. Die Monolithen sind je 5 Schritt hoch und mit Reliefs überzogen, die Ausschnitte aus einer antiken Schlacht zeigen. Die Schlacht scheint, wenn man die gezeigte Landschaft näher anschaut, irgendwo im Hodminforst oder einem anderen, ausgedehnten Waldgebiet stattgefunden zu haben – was die Frage aufwirft, warum ihr jemand so viel weiter nördlich ein Denkmal gesetzt haben sollte. Die gezeigten Krieger verwenden Waffen, wie sie heute auch üblich wären, allerdings bewegen sich einige der Krieger auf mannslangen, schwebenden Pfeilspitzen oder Wolkenfetzen über der Schlacht und schleudern Wurfspeere auf die Krieger unter ihnen. Die Monolithen sind an vielen Stellen mit Runeninschriften versehen, die gute Gelehrte auf prä-baltharische Epochen datieren würden. Bislang ist es noch nicht gelungen, die Inschriften völlig zu entziffern. Die Einheimischen glauben, die Bilder zeigten eine Götterschlacht aus der mythischen Vorzeit. Andere Theorien gehen aber davon aus, dass hier die Ruhmestaten einer frühen baltharischen Königsdynastie verewigt sind oder dass die Monolithe den Zug der Thuul nach Norden zeigt. Die eine der beiden Armeen zeigt vage Ähnlichkeiten mit heutigen Thuul. Man vermutet, dass die Monolithe vom Schlachtverlauf erzählen, wenn man den weißen Pfaden auf dem richtigen Wege folgt. Leider geben weder die unentzifferbaren Runeninschriften noch die Pfade eine Auskunft darüber, in welcher Reihenfolge die Monolithen aufzusuchen wären. Je nachdem, wie man die Monolithen sortiert, zeigen die Bilder man völlig andere Schlachtverläufe. Daran entzündet sich auch eine der wenigen religiösen Streitereien, die es im Norden gibt. Unter denen, die die dargestellte Schlacht für eine himmlische Götterschlacht halten, hat sich etabliert, in der Woche nach dem ersten Sommermond von Monolith zu Monolith zu pilgern und vor jedem Monolithen kleine Brandopfer darzubringen. Nachdem der heilige Opferrauch die „wahre Essenz“ des Opfertieres zu den Göttern emporgetragen hat, verzehren die Pilger die knusprigen Überreste, singen Gebete und trinken dazu große Mengen Brandwein – aus rituellen Gründen, versteht sich. Da die Reihenfolge, in der die Monolithen abzupilgern sind, nicht ganz klar ist, spalten sich die Gläubigen in zwei Gruppen: Jene, die dem Pilgerweg entlang der weißen Pfade nach Osten herum folgen und jene, die den Weg in westlicher Richtung abwandern. Beide Gruppen kommen die meiste Zeit des Jahres einigermaßen manierlich miteinander aus – treffen sie sich aber auf dem Pilgerpfad, so ist die Folge fast immer eine wüste Schlägerei, die sich an betrunken geführten theologischen Disputen entzündet. Schließlich ergibt sich je nach Wanderrichtung eine andere Schlachtgeschichte und beide Gruppen bestehen darauf, dass ihre Version die richtige ist und das die anderen die Geschichte der Götterschlacht genau falsch herum erzählen. Was die weißen Pfade angeht, stimmen Ostläufer und Westläufer aber überein: Die Linien bilden ein riesiges Rätsel, dass die Götter den Sterblichen aufgegeben haben. Wer immer es löst, wird mit den auf den Monolithen gezeigten fliegenden Zauberpfeilspitzen belohnt und kann damit an jeden Ort fliegen, den er wünscht. Die meisten glauben, das Rätsel bestünde darin, einen bestimmten Weg durch das Labyrinth abzulaufen und auf dem Wege bestimmte magische Aufgaben zu absolvieren, bis man schließlich den unsichtbaren Grabhügel des feindlichen Götterheerführers gefunden hat und dort die Zauberpfeilspitzen ausgraben darf. Wegen dieses Rätsels gibt es auch außerhalb der Pilgerfahrten viele Abenteurer, die kreuz und quer über die weißen Pfade wandern, in der Hoffnung, dass ihnen etwas Besonderes begegnen würde. Die meisten tun dies reichlich planlos und finden wenig mehr als Heidekraut und Kaninchen. Man bekommt in den umliegenden Dörfern auch Karten der weißen Pfade, aber diese zeigen nur die größten Hauptwege, nicht aber die vielen kleinen Pfade. Einige Karten sind auch komplett falsch. Erst der Gelehrte Rughmar Federfinger aus Nhastrand hat vor Kurzem einen entscheidenden Durchbruch erzielt. Er hatte einige der Karten untersucht und war zu dem Schluss gekommen, dass die weißen Pfade vielleicht eine Art Muster oder Motiv darstellen könnten. Um Näheres in Erfahrung bringen zu können, waren die Karten aber nicht exakt genug. Daher hat Rughmar sich am Südrand der weißen Pfade in einem Gasthaus einquartiert und hat begonnen, die weißen Pfade selbst zu kartieren. Dazu bedient er sich allerlei selbsterfundener Messgeräte und ein Gebiet von wenigen hundert Quadratschritt mit Hilfe von Schnüren in exakt gleiche Planquadrate aufgeteilt. Den Verlauf der weißen Pfade in den Planquadraten überträgt er in verkleinerter Form auf Pergament. Das aufwendige Verfahren hat Atemberaubendes ergeben: Im von Rughmar untersuchten Gebiet bilden die Pfade das Bild von fünf berittenen Kriegern mit Reiterbögen! Rughmar vermutet, dass die weißen Pfade also nichts anderes sind, als ein riesiges in den Heideboden geschartes Bild, das man vom Boden aus nicht sehen kann. Aber warum sollte jemand solch ein gigantisches Kunstwerk schaffen? Und für wen? Wurde es zum Wohlgefallen der Götter angefertigt oder dient es anderen Zwecken? Der verschrobene Gelehrte hat bislang allein gearbeitet, erkennt aber zunehmend, dass die Entschlüsselung des Geheimnisses die Möglichkeiten eines Einzelnen bei Weitem übersteigt. Daher sucht er tatkräftige Hilfe. Die könnte er bald auch in anderer Beziehung brauchen. Nicht alle tolerieren seine seine seltsamen Forschungen. Rughmars wissenschaftliche Messverfahren sind für die Dorfbevölkerung viel zu esoterisch und abgehoben und seine Erklärungsversuche zu unbeholfen. Niemand versteht, was der merkwürdige Stadtmensch dort treibt. Natürlich kursieren die merkwürdigsten Gerüchte. Die meisten besagen, dass Rughmar den Schatz der weißen Pfade mit Hilfe von fremdartiger Pergamentzauberei finden will. Die Meinungen darüber, ob diese Methode legitim ist, oder ob Rughmar damit die Götter betrügt, gehen außeinander. Die Vertreter der zweiteren Ansicht sehen Rughmars Forschungen mit zunehmendem Unbehagen und wollen ihm eine Abreibung verpassen. Erstens versucht er, die Götter zu beschummeln und sich um die Zauberprüfungen zu drücken. Zweitens ist das, was er macht bestimmt Entweihung eines Heiligtums. Und drittens wird irgend jemand nochmal über die verdammten Schnüre stolpern, die der Fremdling überall im Heidekraut spannt.

Aspekte:

  • Mysterien im Heideboden
  • Sechzehn Steine, sechzehn Wege
  • Ein Bild für die Götter
  • Ost-West-Konflikt
  • Wissenschaft versteht nicht jeder

 

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