Die Fragmente

Malmsturm – Die Fragmente: Die Nebel von Tulmanrae

Stimmen aus der Waismark

Es sind nicht diese seltsamen Auswüchse oder Dornen auf der Schale, welche mich an diesen merkwürdigen Muscheln stören. Ich gebe auch gern zu, dass diese enormen Exemplare jeweils einen Batzen Fleisch liefern, der in Menge und Geschmack erfreulich an ein komplettes saftiges Spanferkel erinnert, aber trotzdem: Wenn ich dir wirklich mehr von diesen Dingern heranschaffen soll, dann musst du den Preis verdoppeln! Warum? Na, weil mir dieses Hafendorf nicht geheuer ist – vor allem nicht, das Gebiet, aus dem die Muscheln stammen. Bei meinem jüngsten Besuch unternahm ich einen kleinen, sagen wir Vollmondspaziergang mit einer hübschen und willigen Tochter des Dorfes an der Küste entlang – und auf dem Rückweg von diesem kleinen Treffen sah ich plötzlich das Riff, auf dem die Muscheln wachsen sollen, teilweise durch die Ebbe trockengelegt im Mondlicht liegen: aber zu meinem Entsetzen schien es sich zu bewegen! Es war als würde sich ein gewaltiger unförmiger Körper vor Lust oder Qual winden – und damit nicht genug: irgendwelche Dinge schienen auf dem Riff zu kriechen oder zu krabbeln. Ich schwöre, es waren weder Robben, noch Krabben oder gar Menschen… Mehr sage ich dazu nicht. Was ist also? Doppelt oder nichts?“

Irngord Uvell, Kauffahrer aus Kaerwydden

 

 

Vor einigen Jahren zog von Süden her ein ungewöhnlich früher und starker Herbststurm über die einsame Westküste der Waismark hinweg. Gewaltige Gewitter entluden sich an den Flanken der Askarpen und Sturmfluten peitschten die felsigen Strände, aber kaum eine Kunde davon erreichte den Rest des Landes, denn die etwas dichter besiedelten Regionen im Nordwesten, insbesondere die Spitze der Halbinsel Lhonoir mit der großen Hafenstadt Kaerwydden, blieben von dem Unwetter fast unberührt. Aber im Südwesten wurde die Küste durch tiefschwarze Wolken in eine nur von Blitzen erhellte dreitägige Dunkelheit gehüllt, während der viele Häuser und Scheunen entlang des Ufers einfach ins Meer gespült wurden. Als der Sturm sich legte und die Sonne wieder den Blick auf das Land freigab, da bot sich in den meisten der paar winzigen Dörfer und Gehöfte in diesem Teil der Welt ein Bild voll von Tod und Verwüstung: Boote und Schiffe zertrümmert oder abgetrieben, zerstörte Häuser und Hafenanlagen, und überall verdorbene Vorräte und die Kadaver von Tieren und Menschen. Nur Tulmanrae, schon zuvor der – nach dem nun entvölkerten Yndborn – zweitgrößte Hafen des äußersten Westens, hatte die Katastrophe halbwegs unbeschadet überstanden. Die Siedlung verdankte dies augenscheinlich ihrer erhöhten Lage auf einem kleinen Felssockel, der die überwiegende Anzahl ihrer Gebäude, einschließlich der meisten Lagerhallen beherbergt und runde vier Faden über dem Hafenbecken aufragt. Der Hafenbereich selbst wurde zwar überflutet, jedoch nur relativ leicht beschädigt, so dass die Dörfler auch bald wieder mit dem für sie so lebenswichtigen Fischfang beginnen konnten. Zunächst schien es daher gut für die Zukunft von Tulmanrae und seinen Bewohnern bestellt zu sein. Tatsächlich blühte das Dorf innerhalb eines Jahres sogar regelrecht auf und wuchs nicht zuletzt dank des Zustroms an Flüchtlingen, also billigen Arbeitskräften, aus den umliegenden zerstörten Siedlungen. Als aber der nächste Herbst kam, da blieben der Küste schwere Stürme erspart und die Menschen schätzten sich geradezu gesegnet. Doch kurz nach dem zweiten Herbstvollmond, an dem in Tulmanrae ein großer Dankgottesdienst gefeiert worden war, begannen immer dichtere Nebelbänke von See heranzuziehen. Am folgenden Neumond dann kroch des Abends ein besonders undurchdringlicher Nebel an Land und zog langsam durch die Gassen und über das Umland des Dorfes. Niemand scheint mehr genau zu wissen, was dann in dieser ersten Nacht der Nebel geschah, aber immer wieder hörte man grauenvolle Schreie aus der milchigen, von Fackellicht kaum zu durchdringenden Dunkelheit – und als die Nebelschwaden vor der aufgehenden Sonne aufs Meer zurückwichen, da waren drei der Einwohner von Tulmanrae spurlos und für immer verschwunden. Dabei fehlte zwar von den Verschwundenen jede Spur, im Dorf selbst allerdings fanden sich überall merkwürdige Schäden und Markierungen: tiefe Kratzer in Häuserwänden, bizarre Abdrücke auf matschigen Wegen, unregelmäßige Kerben und Löcher in einigen Schiffen, lange Schleimspuren wie von großen Schnecken, sowie eine ganze Reihe furchtbar verstümmelter toter Haustiere, insbesondere Katzen…

 

 

Stimmen aus der Waismark

Ich bin schon lange nicht mehr in meinem alten Dorf gewesen. Nicht seit mein Neffe verschwand. Ich packte damals meine Frau und die Kinder und segelte einfach los nach Norden. Hier bin ich kein freier Fischer mehr, sondern riskiere meinen Hals auf den Walfängern im westlichen Ozean, aber wenigstens meine Familie lebt sicher und gut. Bei der letzten Fahrt waren wir auf den Ogyden und seitdem weiß ich, dass meine Entscheidung richtig war: die Eingeboren dort erzählten nämlich, dass bei dem großen Sturm damals eine unheiliges Wesen, groß wie eine kleine Insel und in ihrer Sprache ein „geringerer Gott“ aus dem fernen Süden an ihren Inseln vorbei nach Norden getrieben wurde! Ihr heidnischer Priester meinte sogar, es wäre zuvor unter dem Meer eines glühendheißen Landes gebunden gewesen und würde nun im Norden eine neue Heimstatt suchen. Also, ich frage euch: klingt das nicht so, als ob jetzt ein Meeresdämon aus der Hölle selbst – dessen heißer Atem als dampfender Nebel zu Tage tritt – in unseren Gewässern sein Unwesen treibt?“

Zebel Yan, Harpunier im „Knochenkrug“ in Kaerwydden

 

 

Seit dieser ersten Nacht der Nebel wird nun die Gegend von Tulmanrae in jedem Herbst von weitläufigen dichten Nebelbänken überzogen, die vor allem in den Neumondnächten erscheinen und stets eine Reihe rätselhaft verschwundener Menschen, zerfleischter Haustiere und unzählige unnatürliche Spuren zurücklassen. Auf Anraten ihres Laektors, dem jungen Brem Vylés, verbarrikadieren sich die Einwohner während dieser Nächte in ihren Häusern, welche zuvor von Vylés extra gesegnet und mit heiligen Symbolen versehen wurden, aber dennoch kommt es immer wieder zu Unglücksfällen – sei es, weil jemand den kirchlichen Segen ablehnt, sei es, weil ein Kind, ein Säufer oder ein verwirrter Alter ungeschützt in die Nebel gewandert ist. Ein Verlassen des Dorfes kommt aber für kaum jemanden in Frage, nicht zuletzt wohl weil der Fischfang vor Tulmanrae in jüngster Vergangenheit besonders reichlich ausfällt. Die älteren Fischer glauben, dies läge an einer seit dem großen Herbststurm veränderten Strömung entlang der Küste, aber nicht alle halten dies für eine gute Sache. Letzteres gilt vor allem für diejenigen Fischer, welche beim Flicken ihrer vielen zerrissenen Netze darüber grübeln, was es womöglich mit dem neuen Riff südwestlich des Hafens auf sich hat. Als nämlich einige Tage nach dem Sturm wieder die ersten Fischerboote in See stachen, da lief der alte Anjol Druken mit seine beiden Söhnen an einer Stelle auf Grund, an der zuvor nur tiefes Meer gewesen war. Es gelang ihnen jedoch, ihr Boot wieder flottzumachen und sie brachten sogar eine Ladung großer, neuartiger Muscheln mit, die sie von dem schwarzen und porösen unterseeischem Fels lösen konnten, und welche sich als äußerst fleischig und schmackhaft erwiesen. Diese Muscheln sind keineswegs immer an dem Riff zu finden, aber seit dieser Entdeckung gelingt es immer wieder mal dem ein oder anderen Fischer, eine gute Bootsladung davon ins Dorf zu bringen. So hat die Verbindung zwischen dem Herbststurm, dem Erscheinen des Riffs, den verbesserten Fanggründen, dem Auftauchen der unheimlichen Nebelbänke und den verschwundenen Dorfbewohnern den Anlass für allerlei wilder Geschichten und Gerüchte geliefert, aber die meisten Einwohner von Tulmanrae freuen sich eher über ihren langsam wachsenden Wohlstand und vertrauen im Zweifelsfall auf den schützenden Segen ihres braven Laektors…

 

 

Stimmen aus Tulmanrae

Klar, der alte Anjol hat sich totgesoffen und seine Söhne leben noch – aber ich glaub‘ nie und nimmer, dass damals sein Enkel, Klein-Anjol, aus reinem Zufall zu den ersten gehörte, die in den Nebeln verschwanden! Ich sag euch, das war einfach die Strafe für die geraubten – ja, geraubten! – Muscheln, vollstreckt von den wahren Herren des Schwarzen Riffs, die nur an Land kommen können, wenn die Luft so voller Salz und Wasser hängt, dass unsereins in den Nebeln kaum atmen kann…“

Dalber Grum, Schmied in Tulmanrae

 

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