Die Fragmente

Malmsturm – Die Fragmente: Die Kadaverkrämer

Stimmen des Imperiums

„Was soll das heißen? Ich schaff hier drei Dutzend gut erhaltener Leichen an – und dann willst du braune Wasserratte sie nicht?!?! Was faselst du? Es wäre zu meinem Besten, wenn ihre verbliebenen Träume ungeträumt blieben??? Wen kümmert’s? Jetzt gib mir den Beutel mit Perlen da, dann bist du mich auch sofort los!

…was murmelst du da schon wieder mit deinem braunen Freund? Sprich richtig! Hä? Na also, geht doch! Und sogar schwarze Perlen! Da freu ich mich doch schon auf’s nächste Jahr…“

 

Ulaxes Kher,  aufstrebender Zuhälter in  Manto,
wenige Wochen vor seinem Verschwinden

 

Selbst in der Ära des Exzellenten Exils sind die verbliebenen Hafenstädte des Imperiums nie vollkommen von der übrigen Welt isoliert gewesen. So kann sich niemand an eine Zeit ohne regelmäßige Besuche der sogenannten Kadaverkrämer erinnern, deren große Auslegerschiffe fahle graublaue Segel tragen, die oft derart mit dem Himmel verschmelzen, dass die flachen Schiffe erst gesichtet werden, wenn sie fast auf Rufweite heran sind. Schiffe und Besatzung stammen allem Anschein nach aus dem äquatorialen Inselreich von Dhelyrien, einem Ort, den man im Imperium gemeinhin nur als Quelle exotischer Sklaven und Drogen kennt, und von dem imperiale Seefahrer behaupten, dass es dort generell nur primitive Fischerdörfer und weiße Strände gibt. Tatsächlich erklären die Kadaverkrämer bei entsprechenden Nachfragen stets bereitwillig, dass sie zwar aus Dhelyrien stammen, dort jedoch getrennt von den übrigen Bewohnern leben und arbeiten. Jeder weiter reichenden Erkundigung nach ihren Hintergründen und Absichten begegnen die Kadaverkrämer jedoch meist nur mit höflichem Schweigen oder dem Hinweis auf mangelnde Kenntnisse der imperialen Sprache. Dennoch stehen ihren Schiffe seit Jahrhunderten alle imperialen Häfen offen, denn dort wartet grundsätzlich eine umfangreiche und treue Schar von Handelspartnern auf sie: begierig, die sterblichen Überreste von Sklaven und Bettlern, von denen ohne Angehörige ebenso wie von den namenlosen Opfern von Unfällen, Krankheiten und Verbrechen gegen Gold, Gewürze, Drogen und Perlen einzutauschen! Die Kadaverkrämer, deren haarlose braune Körper nur von einem komplexen Geflecht weißer Seile bedeckt werden, erklären nie, warum ihnen die Leichen eines fremden Volkes so viel wert sind – oder wenigstens, warum ihnen manche weit wertvoller als andere zu sein scheinen, während sie in seltenen Fällen sogar die Annahme des ein oder anderen Kadavers völlig ablehnen. Sie behaupten sogar, dass sie gar keine Leichen kaufen würden – sie sprechen fast immer nur von „verbliebenen Träumen“. Damit entstanden natürlich unzählige Theorien und Gerüchte über die Hintergründe dieses seltsamen Verhaltens und die Ursprünge der grauen Schiffe und ihrer Besatzung, aber bis heute ließ sich nichts davon bestätigen, auch wenn so manch ein Versuch dazu unternommen wurde. Insbesondere kommt es immer wieder einmal dazu, dass ein imperiales Schiff versucht, der Route eines Kadaverkrämers bis zu seinem rätselhaften Heimathafen zu folgen. Solche Schiffe scheinen dann aber ihrerseits vom Pech verfolgt zu werden, denn deren Mannschaften berichten danach stets von bizarren Unfällen an Bord, die zum Abbruch der Verfolgung führen – und niemand weiß, was aus den vielen Schiffen wurde, die von derartigen Verfolgungsfahrten nie mehr zurückkehrten…

 

Stimmen aus Dhelyrien

„Wir, die wir nicht am Spiel der Fünf Wege teilnehmen, dienen dem letzten, ersten und höchsten: dem ungeträumten Traum, der unerlebten Ekstase, der ungeschauten Vision, dem ungeschlafenen Schlummer und dem ungestorbenen Tod. Ihr werdet lernen, all dies zu erkennen – und ihr werdet sammeln: damit die Fleischpressen gefüttert und die Unvollendeten Vollendung finden werden!“

Monubakeaea, Ältester des Traumrats,
bei der Begrüßung der Novizen

Keiner der zwölf Senatsfamilien von Phanagor mangelt es an Gerüchten über angebliche Familiengeheimnisse, die meist etwas mit ketzerischer imperialer Nostalgie, abartigen sexuellen Vorlieben oder dem Besitz verbotener antiker Machina zu tun haben sollen. Bei den drei reichsten Clans – Torbalg, Nerendel und Phanari – kreisen diese Gerüchte aber vor allem um gewisse Fahrten ihrer jeweiligen Handelsschiffe, die scheinbar ein- bis zweimal im Jahr mit geheimer Fracht gen Westen auslaufen, um dann – so nimmt man an – mit Schätzen beladen wieder heimzukehren. In besser informierten Kreisen gilt es dabei als sicher, dass diese Schiffe Kurs auf die Ogyden setzen, wo sie dann durch geschickten Tauschhandel allerlei Kostbarkeiten von den Eingeborenen erschwindeln, doch unabhängige Reisen dorthin blieben mit ähnlichen Tauschversuchen stets erfolglos. Angeblich bestreiten die Eingeborenen sogar, je Kontakt mit Schiffen von einem der drei Clans gehabt zu haben. Sie behaupten stattdessen, dass manchmal große Schiffe im Stil phanagorischer Händler nahe einer kargen und unbewohnten Felseninsel gesehen werden, welche die Eingeborenen die Insel der Toten nennen. Die Eingeborenen bestatten in deren Uferhöhlen ihre Leichen, denn dort können sie von den Schiffen aus dem Land der Ahnen abgeholt werden. Wahrscheinlich wollen also auch diese Handelsschiffe nur einigen unglücklich an Bord verstorbenen Seeleuten die Reise ins Land der Ahnen ermöglichen…

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