Die Fragmente

Malmsturm – Die Fragmente: Die Jachaniten

Die trisantische Kirche ist bekanntermaßen nicht der monolitische Block als der sie einem ungebildeten Bauern oft erscheinen mag. Es gibt dutzende verschiedener philosophischer Schulen, Orden und Logen innerhalb der Kirche, die den trisantischen Glauben und Ritus aus ihrer ganz eigenen Perspektive betrachten. Im Großen und Ganzen kommen diese Interessengruppen und „Unterorganisationen“ vergleichsweise gut miteinander aus. Es gibt die üblichen Intrigen und Streitereien und zuweilen kommt es auch zum einen oder anderen Giftmord, aber generell halten sich die Zwistigkeiten im Rahmen. Schließlich erlaubt die trisantische Religion trotz all ihres Dogmatismus eine gewisse Varianz in den Belangen des Glaubens. Natürlich gibt es auch immer das eine oder andere Sorgenkind. Problematisch wird es z.b. dann, wenn ein Orden oder eine Loge sich so sehr von der üblichen Norm entfernt, dass sie als häretisch angesehen werden muss. Aber auch politische Ambitionen eines Ordens können problematisch werden. Das ist zum Beispiel bei der   „Demütigen Loge der Schwesternschaft vom heiligen Herzblute Jachas“ (im allgemeinen Sprachgebrauch als „Jachaniten“ bezeichnet) der Fall. Vom theologischen Standpunkt aus ist den Jachaniten kaum etwas vorzuwerfen. Was Schriftauslegung und Liturgie angeht, ist die Loge regelrecht konservativ. Ursprünglich waren die Jachaniten als als kleinere Hospitalerloge gegründet worden.Die Jachaniten stehen in einer langen Tradition trisantischer Frauenlogen, die sich der Heilung widmen. Männliche Mitglieder werden nur in Ausnahmefällen akzeptiert. Die Loge sieht es als ihre göttergegebene Pflicht an, jenen zu helfen, die den „Leiden der Heilligen Jacha“ anheim gefallen sind – sprich denen, die in Folge von Gewalttaten schwer verletzt wurden. Jacha als Schutzheilige ihrer Loge zu wählen, ist recht naheliegend, gilt Jacha als erste Märtyrerin des trisantischen Glaubens doch als Schutzheilige aller Geschundenen, Verletzten, Ermordeten und aller Ärzte. Das Gründungshaus der Jachaniten ist das Heiligenblut-Hospital in Andinas. Dort wurden vor 157 Jahren die ersten wandernden Feldheilerinnen der Loge ausgebildet, um die Versehrten auf den Schlachtfeldern medizinisch zu versorgen und für die dort Sterbenden die letzten Riten durchzuführen. Wie in der trisantischen Tradition üblich, sind nur  unverheiratete Logenmitglieder im „aktiven Dienst“ unterwegs. So bald eine Logenschwester heiratet und zu erwarten ist, dass sie Kinder bekommt, untersagen ihr die Logenregeln weitere Wanderungen (aber nicht weiteres Heilen). Bis hier hin ist mit den Jachaniten auch alles vollkommen unproblematisch.
Das politische „Debakel“ mit der Loge begann erst vor 60 Jahren. Die wandernden Heilerinnen der Loge versorgten natürlich nicht nur Ritter auf dem Schlachtfeld, sondern auch kranke Bauern…und sie wurden des Öfteren als Leichenbeschauer bei Todesfällen herangezogen. Letzteres bewog die heute 83 Jahre alte Logenherrin Njele von Trabint zum Verfassen der Denkschrift „Vom rechten Trost für die Ermordeten“. Auf ihren Reisen als Wanderheilerin war die junge Laektorin immer wieder mit Mordopfern und den folgenden Prozessen konfrontiert worden. Nach Ansicht der jungen Idealistin waren die in der Waismark üblichen Willkürentscheidungen und Gottesurteile nicht geeignet, die wahren Täter eines Verbrechens festzustellen und den Ermordeten den ihnen zustehenden Trost durch Gerechtigkeit zu spenden. Zudem würde die Obrigkeit selbst zum „baltzerischen“ Gewalttäter, wenn sie den Falschen hinrichten ließe. Es seien neue Mittel und Wege notwendig, Recht zu sprechen, um im Sinne der Götter und der Heiligen Jacha zu handeln, sollte unnötiges Leiden vermieden werden. Njele setzte ihr ganzes Wissen als Ärztin und Gelehrte ein, um so etwas wie eine primitive von Forensik zu entwickeln und propagierte Logik und Deduktion als Mittel der Wahrheitsfindung. Mit ihren neuen Methoden konnte Njele eine ganze Reihe von Übeltätern dingfest machen und bald sagte das gemeine Volk der Laektorin besondere, heilige Kräfte nach. Zahlreiche Nachahmerinnen innerhalb der Loge begannen, Njele nachzueifern. Njele selbst heiratete nach dem Verfassen ihrer Denkschrift einen Amtmann beim Hofe des Fürsten zu Andinas und hatte so einen immensen Einfluss auf das Enstehen des „Andinaser Landspiegels“, einer der wenigen weltlichen Rechtsschriften der Mark. Der Loge verhalf dies zu einem anhaltend guten Verhältnis zum Fürstenhaus der Stadt und einem reichen Gönner. Heute ist es in Andinas obligatorisch, bei Verbrechen jedweder Art eine Jachanitin zu Rate zu ziehen. Man sagt gemeinhin, kein Straftäter könne sich vor den gesegneten Augen einer Logenschwester verbergen. Die Loge kümmert sich mittlerweile fast mehr um die Aufklärung von Straftaten als um das Versorgen von Kranken. In den letzten sechs Jahrzehnten haben die Jachaniten im Grunde genommen die Kriminalistik erfunden. Die Loge hat in den letzten sechs Jahrzehnten ein immenses Wissen über verschiedene Mordtechniken, die Denkweise von Mördern, das finden von Spuren und das Erkennen von Lügen angesammelt und verschriftlicht. Die enorm fortschrittlichen Methoden der Jachaniten sorgen bei den gemeinen Waismärkern immer wieder für Erstaunen und werden kaum verstanden.
Der fachliche Erfolg der Loge sorgte aber auch für ein immenses Problem. Zwar holen sich nicht wenige Richter um Andinas herum Hilfe von den Jachaniten, aber andernorts sieht man die Loge als Bedrohung. Viele derer, die in der Waismark die weltliche Gerichtsbarkeit stellen, sind der Meinung, dass die Loge sich mit ihren kriminalistischen Tätigkeiten in Bereiche einmischt, die sie nichts angehen. Eine Hospitalerloge hat Kranke zu versorgen und fromme Worte zu predigen und sich nicht in die Belange der weltlichen Obrigkeit einzumischen. Viele niedere Landadelige, die außerhalb der großen Städte für die Rechtsprechung zuständig sind, sehen durch die Jachaniten ihre Privilegien bedroht und ignorieren den Vorteil, den es böte eine Jachanitin als Beraterin zu beschäftigen. Welchen Respekt sollte der Pöbel vor seinem rechtsprechenden Adeligen haben, wenn die Worte einer Logenschwester ihn dastehen lassen wie einen unwissenden Idioten?  Ist es nicht geradezu eine Beleidigung, wenn ein durchreisendes Frauenzimmer die Weisheit des Richters in Frage stellt? Die Neigung vieler Logenschwestern, sich bei Verbrechen auch ungebeten einzumischen (da sie dies als ihre heilige Pflicht ansehen) erleichtert die Sache nicht. So stapeln sich bei den Episkopen die Beschwerden über die Jachaniten. Man solle sie endlich zur Ordnung rufen und auf ihren Platz verweisen. Im gleichen Maße laufen die Jachaniten Sturm gegen die weltliche Rechtsprechung. Für eine göttergefällige Justiz sei es notwendig, wo immer es sich machen lässt, umfangreiche Reformen einzuführen. Urteile seien nur nach Ermittlungsarbeiten zu fällen, auf Zufall basierende Gottesurteile abzuschaffen. Das vielerorts geltende, mündlich überlieferte Traditionsrecht sei durch wie im Kirchenrecht übliche, verschriftlichte Gesetzeskodices zu ersetzen. Unterstützt werden die Jachaniten von einigen progressiven Adeligen, die die Vorteile erkennen, die ihnen solche Reformen bieten würden. Das Gezänk zwischen traditionalistischen Landrichtern und Jachaniten hat jüngst eine neue Eskalationsstufe erreicht, da eine Verbindung von brocaelischen Rittern nach Lyonnas zog um den obersten Kirchenfürsten angebliche Ketzerei in den Reichen der Loge anzuzeigen. Das es sich um versuchten Rufmord handelt, scheint nur zu offensichtlich. Genauere Untersuchungen der Loge ergaben nichts häretisches, sorgten aber dafür, dass ein paar einflussreiche Erzepiskopen die Loge um des lieben Friedens willen gern auf Eis gelegt sähen. Unlängst machen Gerüchte die Runde, die Zaetoren würden sich näher mit den Jachaniten beschäftigen. Ob sie die progressive Loge zu Fall bringen wollen, oder die fähigsten Jachanitinnen rekrutieren möchten, darüber schweigen sich die Gerüchte aus…

Mögliche Aspekte:

  • Trost den Sterbenden, Balsam den Zerschundenen
  • Ich kombiniere…
  • Ideen für eine neue Zeit
  • Helfende Hand und Dorn im Hintern

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