Die Fragmente

Malmsturm – Die Fragmente: Die heilige Schädeltrepanation der Thuul-Galder

Stimmen aus dem Norden

Wo hast du diese Münze her? Hast du etwa an den Schwarzen Tischen gespielt? Wirf sie weg: dass ist kein normales Geld – nur die wahnsinnigen Seelenkrämer von Gn’Hay handeln und zocken mit solch unheiligem magischen Zeug…“

Truk der Würfler in einem Hurenhaus in Faensal

Wer Galder werden will, braucht bei allen Stämmen des Nordens eine ganze Menge Geduld, Härte und Entschlossenheit. Eine Begabung für das Übernatürliche allein hat noch niemanden zum Schamanen gemacht. Man braucht eine Unterweisung durch einen anderen Galder, die meist viele Jahre dauert und in den meisten Fällen auszehrende Askese, mörderische Meditationsübungen, gefährliche Drogenexperimente und ein hartes Leben unter freiem Himmel bedeutet (ein härteres, als es die Nordstämme sonst gewohnt sind). Man sollte also nie den Fehler machen, einen Galder für weichlich zu halten. Die Galder, bei denen dieser falsche Eindruck am Häufigsten entsteht, sind die Galder der Thuul. Auf den ersten Blick könnte man sie fast für verzärtelte Priester aus dem Imperium halten – mit ihren verzierten Roben, ihren runenbeschriebenen Pergamentrollen und ihrer für Galder ungewöhnlich ausdifferenzierten Rangordnung untereinander. (Vermutlich sind diese Dinge noch Überbleibsel aus der alten Heimat der Thuul). Allerdings könnte kein Eindruck falscher sein. Die Ausbildung, die die Thuul der Galder durchlaufen, zählt zu den härtesten. 13 Jahre dauert es bei den Thuul, bis ein auserwählter Schüler die Würde des Galders empfangen darf. vom 5. bis zum 18. Lebensjahr kennt der künftige Galder nur harte körperliche Arbeit, komplexe geistige Lektionen über Geister, Götter, Gifte und Heilung, grenzüberschreitende magische Übungen und, auch das gehört bei den Thuul-Galder zur Ausbildung, Kampftraining. Schon den Kleinsten bürdet man mehr Mühen auf, als Kinder ertragen können und über die ganzen dreizehn Jahre wird die Last niemals leichter. Sieben mal Sieben heilige Stufen sind zu durchlaufen. Jede davon wird mit einer brutalen Übung abgeschlossen. Grade bei den höheren Stufen kann ein Scheitern leicht den Tod bedeuten. Von dreizehn Schülern, die ein Thuul-Galder nimmt und zu den Steinkreisen bringt, bei denen die Kinder ihre Ausbildung absolvieren werden, sind nach dreizehn Jahren meist nur noch drei oder vier übrig. Doch die Mühen lohnen sich – ist die Ausbildung vollendet, ist der Schüler ein Galder der Thuul! Das bedeutet, sein Wissen über die jenseitige Welt ist gewaltig, sein Körper und sein Geist gestählter als der mancher Krieger und er beherrscht nicht nur die Kunst der Zauberei, sondern sogar die der Chirurgie (ein im Norden sehr, sehr seltenes Wissen). Die letzte Prüfung, die notwendig ist, um ein Galder der Thuul zu werden, ist in den Augen anderer Stämme blutig und absonderlich. Die Thuul-Galder glauben, um wahrhaftig und direkt mit den Geistern in Kontakt treten zu können, müsse das „innere Seelenauge“ geöffnet werden. (Andere Wege des Kontaktes mit Geistern werden als trügerisch betrachtet). Diese Öffnung ist kein im übertragenen Sinne gemeintes, esoterisches Konzept, sondern eine sehr körperliche Angelegenheit. Man führt an dem zu prüfenden Schüler eine Schädeltrepanation durch, bei der ein rautenförmiges Stück aus dem Stirnknochen entfernt und eine Öffnung zum Gehirn geschaffen wird. Über viele Stunden hinweg liegt der Prüfling in einer selbst herbeigeführten Trance, während sein Lehrer rituelle Gesänge intoniert und mit einer Feuersteinklinge langsam Kerben in den Schädelknochen schneidet, bis sich schließlich ein als „Knochenmünze“ bezeichnetes Knochenstück löst und der Zugang zum Gehirn freigelegt ist. Da eine Betäubung jedweder Art der Trance des „Prüflings“ hinderlich wäre, werden dabei nur Kräuter verbrannt, die keine berauschende Wirkung haben. Während all der Stunden, die die Trepanation dauert, geht der Initiant auf eine sehr persönliche Geistesreise, von der er wieder in die diesseitige Welt zurückfinden muss. Darin besteht die eigentliche Prüfung. Natürlich gibt es diverse Möglichkeiten, bei der Prüfung zu versagen. Wer während der Trepanation stirbt, hat offensichtlich versagt. Zerbricht die „Knochenmünze“ bei der Operation, so ist dies für die Galder auch ein sicheres Zeichen, dass böse Geister in den Körper des Prüflings gefahren sind und er versagt hat. In diesem Fall wird der Unglückliche sofort mit einem Stich ins Hirn getötet. Wer nach der Prüfung an den Folgen der Trepanation dahinscheidet, so hat der junge Galder zwar nicht versagt, aber die Geister haben so viel Gefallen an ihm gefunden, dass sie ihn zu sich holen. Hat der Initiant jedoch überlebt und befindet sich auf dem Wege der Besserung, verschließt man die Wunde mit einem runenverzierten Stück Metall. Daher erkennt man die Galder der Thuul stets an einer rautenförmigen Metallplakette auf der Stirn. Das Metall der Plakette zeigt den Rang des Galders an. Junge Galder tragen eine kupferne Plakette, fortgeschrittene eine goldene und die Ältesten der Galder eine Plakette aus Eisen. Es gibt sogar Gerüchte über besonders mächtige und legendäre Galder, deren Plakette aus durchsichtigem Kristall besteht. Die Plakette ist das Zeichen des Seelenauges und für die Magie, so glaubt man, durchlässiger als Knochen. Wirkt ein Thuul-Galder Magie, so treten um die Metallplakette in seinem Schädel oft seltsame Effekte auf. Manchmal raucht ihm im wahrsten Sinne des Wortes der Schädel, manchmal sprüht das Metall funken und für besonders mächtige Zauber entfernt der Galder die Plakette auch mal, worauf grelles Licht aus der Öffnung scheint.

Die Knochenmünze geht in den Besitz des Junggalders über und wird, während er auf dem Krankenbett liegt und sich von der Trepanation erholt, von diesem mit magischen Runen versehen. Die Knochenmünze zählt fürderhin zu den persönlichsten und mächtigsten Talismanen, mit denen ein Thuul-Galder seine Magie wirkt. Knochenmünzen werden als so heilig angesehen, dass ein Thuul-Galder sie niemandem freiwillig aushändigen wird. Man sagt auch, dass eine Knochenmünze stets auf magischem Wege zu ihrem Galder zurückkehrt, sofern dieser noch lebt – ist die Knochenmünze doch ein Teil seiner Seele. Wird eine Knochenmünze in den Händen eines Nicht-Thuul oder von jemandem der kein Galder ist gefunden, so hat dieser sehr wahrscheinlich ein abscheuliches Sakrileg begangen. Hat derjenige keine gute Erklärung dafür, wie er an die Knochenmünze gekommen ist, so wird er von den meisten Thuul umgehend erschlagen. Eine solche gute Erklärung wäre, die Knochenmünze eines verstorbenen Galders zu dem Steinkreis zu überführen, an dem er ausgebildet wurde. So ist es Sitte unter den Thuul, denn man glaubt, die Seele eines Galders würde nach seinem Tode in seine Knochenmünze übergehen. Manchmal soll man einen toten Galder sogar mit dessen Knochenmünze von den Toten beschwören können! Ob dies der Wahrheit entspricht, bleibt wohl das Geheimnis der Thuul-Galder.

Aspekte:

  • Die Münze der sieben Köpfe
  • Die Geister die ich rief
  • sieben x sieben heilige stufen

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