Die Fragmente

Malmsturm – Die Fragmente: Die Graumondnacht… im Norden

Stimmen des Nordens

Wir bringen Licht, wir bringen Feuer,

wehren Nacht und Ungeheuer!

Kinderreim zur Graumondnacht

 

Selbst in den ältesten bekannten Legenden und Sagas des Nordens erscheint die Zeit der Graumondnacht schon als ein traditionsbeladener und von düsteren Gebräuchen erfüllter Abschnitt im ewigen Kreislauf des Jahres. Dies dürfte seinen Ursprung vor allem darin haben, dass die Graumondnacht als endgültiges Ende der hellen Tage und der Beginn der dunkelsten Zeit des Jahres gilt – einer Zeit, die erst im zweiten Monat des folgenden Jahres enden wird. Bis dahin aber müssen die Bewohner des Nordens die schier endlosen Nächte – welche hoch oben, nördlich der heiligen Insel Balta, viele Tage lang andauern können – und den drohenden Hunger ebenso fürchten wie die wachsende Kälte und die Wesen, welche der Mangel an Sonne und Beute weit bis in die Gefilde der Menschen hinein treibt. Daher entstanden in allen Regionen und bei allen Völkern des Nordens Riten und Zeremonien, welche den Menschen helfen sollen, die besonderen Gefahren der Graumondnacht und die entbehrungsreiche Zeit bis zur Rückkehr von Licht und Wärme zu überstehen. Gelehrte, die in alten Schriften über die Sitten zur Graumondnacht nachforschen, sind manchmal entsetzt von der Grausamkeit vieler längst vergessener Traditionen, doch die weiter gereisten unter ihnen wissen auch, dass fernab der fünf großen Städte und der wichtigen Handelsrouten nicht wenige uralte Blutrituale und Opferfeiern immer noch mit geradezu sklavischer Hingabe zelebriert werden.

 

Schriften des Nordens

gehe ich davon aus, dass die Steinformationen südlich von Nhastrand Überreste eines Asedna-Schreins sind. Unklar bleibt hingegen der Ursprung der verkohlten kleinen Knochen und Schädel in den tieferen Grabungen…

Vor-bhaltarische Strukturen des Nebelmeeres

Ujord Breel der Wanderer

 

Besucht man zur Graumondnacht eine der fünf großen Städte oder eines der vielen kleinen Dörfer entlang der Küsten des Nebelmeeres und der mächtigen Flüsse des Nordens, so scheint diese Zeit von fröhlichen Feiern und vielen Lichtern bestimmt zu sein: Überall brennen Kerzen und Fackeln, duftende Kräuter und Hölzer werden verbrannt und die Kinder ziehen – angeführt von den fackeltragenden ältesten – mit kleinen Laternen von Haus zu Haus. Sie bitten im Namen Asednas um Einlass, der ihnen auch stets gewährt wird. Dann entzünden sie eine Kerze, Lampe oder Fackel im Haus, die zuvor nicht brannte, woraufhin jedes der Kinder als Dank zum Abschied eine Nuss, ein Stück Trockenobst oder süßes Gebäck erhält. Von den Kindern entzündetes Feuer gilt als besonders gesegnet und man versucht stets, wenigstens eine solche Flamme bis zum Ende der dunklen Zeit nicht erlöschen zu lassen, sondern sie etwa von Kerze zu Kerze immer weiter zu geben. Eine besondere Variante der Thuul ist es, an diesem Abend das Herdfeuer von den Kindern neu entfachen zu lassen, da dies Sicherheit, Wärme und vor allem reichlich zu Essen für die kommenden Monate bedeuten soll. Familien warten in dieser Nacht bis zur Heimkehr der Kinder bevor man sich zu einem gemeinsamen Festmahl niederlässt – und wer keine Kinder sein eigen nennt, der beschenkt andere umso reicher bevor er in einer nahen Taverne zum Feiern einkehrt. Nur auf den Wachtürmen und Mauern einer Siedlung fehlt es oft an feierlicher Stimmung, obwohl auch dort Traditionen gepflegt werden. Denn die Wachleute beginnen diesen Abend mit einer Begehung der Stadt- oder Dorfgrenze und aller vorhandenen Wehranlagen, welche gemeinhin in den Wochen zuvor gründlich repariert und in Stand gesetzt wurden. Dabei werden in regelmäßigen Abständen außerhalb der Befestigung windgeschützte Fackeln oder Kohlebecken entzündet, die von nun an bis zum Ende der dunklen Zeit am Brennen gehalten werden. In den fünf großen Städten haben manche den Grund für diese Maßnahme vergessen, aber in einsameren Gegenden weiß jeder, dass in der Graumondnacht an vielen uralten Orten seltsame und über alle Maßen hungrige Kreaturen aus dem schwarzen Bauch der Erde kriechen – Kreaturen, die nur helles Licht zu fürchten scheinen und angeblich fähig sind, die Gestalt derer anzunehmen, die sie zuvor verschlungen haben, auch wenn sie in dieser Trugform bei Kontakt mit Feuer sofort in Flammen aufgehen!

 

Stimmen des Nordens

Glaubt es ruhig! Ich weiß noch genau, wie seltsam Thord reagierte, als er von seinem Bastardsohn in diesem inzestuösen Bergdorf hörte. Und in der letzten Graumondnacht starben zwanzig Mann in dieser Taverne mit ihm – nur gut, dass ich derweil mit der fetten Greta im Heu lag!

Mitgehört auf einem Fleischmarkt im Valgrind

 

Verlässt man die Ufer des Nebelmeeres und die großen Städte, so wird man zur Graumondnacht bei den diversen Stämmen und in einsamen Gegenden auf Gebräuche stoßen, die den Reisenden weniger an urige ländliche Traditionen einfacher Völker denken lassen, als vielmehr an die blutigen Rituale wilder Barbaren – und genau darum handelt es sich meist auch. Besonders deutlich wird dies in manchen kleinen Bergdörfern der Kaukonen. Deren Einwohner fürchten in der Graumondnacht eine Erscheinung, die sie das Wimmern nennen: von Osten her kommt über die Berge ein klagendes Geräusch in die bewohnten Täler, das am lautesten wird, wenn alle fünf Grauen Monde am Himmel stehen, woraufhin jeder der es hört scheinbar den Verstand verliert und geradewegs in die eisigen Bergen wandert, wo er dann spurlos verschwindet. Ganze Dörfer sollen so entvölkert worden sein und nur ein Mittel – so glauben die Kaukonen – wehrt das Wimmern ab: ein Kind, dessen Vater nicht im Dorf lebt, wird allein mit einer Fackel in der Nacht zurückgelassen. Diese Kinder können sich nie erinnern, was in dieser Nacht mit ihnen geschah, aber man sagt, dass der Vater des Kindes – wo er auch sein mag – unweigerlich in derselben Nacht in einen Blutrausch verfällt, der erst endet wenn er stirbt oder die Sonne wieder am Himmel erscheint! Auch bei den nomadischen Pandharen kommt es in der Graumondnacht zu einem gefährlichen Ritual: Da die Wollhörner und Mammuts der Nomaden dazu neigen, in dieser Nacht in wilde Raserei zu verfallen, werden die Tiere außerhalb des Lagers angebunden und von den Kindern des Stammes – die nur Fackeln und Stöcke bei sich tragen dürfen – gehütet. Nur die Gegenwart der Kinder scheint auszureichen, um die gefürchtete Raserei zu verhindern, doch jeder Erwachsene, der sich den Tieren nähert, durchbricht diesen Bann sofort und mit blutigen Folgen. Trotzdem zahlen die Pandharen dabei einen hohen Preis, den am Ende der Graumondnacht wird stets eines der Kinder leblos, doch ohne Wunden, zwischen den bewachten Tieren liegen! Die Thraskiten hingegen verbringen angeblich die gesamte Graumondnacht zu Pferde und voll gerüstet – selbst Kinder und Hunde nehmen sie mit –, denn sie glauben nur so den gesichtslosen Schrecken entgehen zu können, die ihrer Überlieferung nach in dieser Nacht über das Land ziehen. Im Unterschied dazu fürchten die Choár, in der Graumondnacht von der Macht der Monde übermannt und versklavt zu werden, weshalb sie die gesamte Zeit ohne Essen, Trinken und Schlaf im ständigen Singen sogenannter Wachlieder verbringen. Die Ladchoum teilen zwar angeblich diese Furcht der Choár, versetzen sich aber eben deshalb für die Dauer der Graumondnacht in einen todesähnlichen Schlaf, aus dem sie selbst durch Verletzungen nicht geweckt werden können! Nur das monströse Kriegervolk der Qôr hat in dieser Nacht keine Zeit für Legenden und Traditionen: Sie wappnen sich nur schon Wochen vorher für die erbitterte Schlacht, welche sie in jeder Graumondnacht gegen eine gewaltige Horde öligschwarzer Wesen schlagen müssen, die mit der Verlässlichkeit der Gezeiten aus den Tiefen unter dem Eis nach oben flutet…

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