Die Fragmente

Malmsturm – Die Fragmente: Die goranischen Orden

Ein altbekanntes Sprichwort in der Waismark besagt, dass die Goraner in allem 100 Jahre weiter sind als der Rest der Mark. Oder dass sie 2000 Jahre zurück liegen – sofern man ihnen ihre progressiven Ideen und Extravaganzen als Überreste imperialer Dekadenz auslegt. Beim Meisten, was die Goraner an Ideen exportieren, handelt es sich um spektakuläre Harmlosigkeiten. Wer erinnert sich zum Beispiel nicht an die erregten Diskussionen über die Unsittlichkeit des goranischen Schnabelschuhs oder bewundert farbenprächtige Deckenmalereien im Phanagorstil? Die neueste Idee, die unter den goranischen Adeligen die Runde macht, hat allerdings mehr Sprengkraft als neue Stoffmuster oder moderne Hoftänze. Immer mehr Ritter in goranischen Landen finden sich zu sogenannten „Orden“ zusammen, eng verbandelten Schwurgemeinschaften, die unter einem gemeinsamen Ordensbanner ein gemeinsames Ziel verfolgen. Ungefähr ein Dutzend dieser Organisationen haben sich in den letzten Jahren gebildet. Die Ordensgemeinschaften sind vergleichsweise klein und haben zwischen 20 und 30 Mitgliedern (Dienerschaft und Landsknechte nicht mitgerechnet). Den Anfang machte vor 40 Jahren der „Orden der Eisernen Gnade“ in Phanagor, der sich nicht nur der Verteidigung des legendären eisengebundenen Librams im Laurus-Dom verschrieben hat, sondern auch mit Feuer und Schwert gegen übernatürliche Bedrohungen (oder das, was der Orden dafür hält) vorgeht. Andere Orden verfolgen ebenfalls religiöse Ziele. Die meisten setzen sich den Schutz eines bestimmten Heiligtums, eines Pilgerweges oder einer Reliquie zum Ziel und schreiben es sich auf die Fahnen, die trisantischen Tugenden fester im sonst eher unreligiösen Ritterstand zu verankern. In verborgenen Landhäusern und Ordenshallen erklingen fromme Choräle und neuartige Schwüre auf das Libram. Darüber hinaus führt jeder Orden eigene, zum Teil bizarre Rituale durch. Wem der vorgebliche, fromme Edelmut der goranischen Orden nun verdächtig vorkommt, liegt nicht ganz falsch. Die eigentliche Motivation, einen Orden zu gründen, liegt nicht im Glauben. Eigentlich sind die Orden eine Art Waffe gegen den etablierten Hochadel der Goraner. Als Einzelperson kann ein kleinerer Ritter oder Adeliger wenig gegen einen Fürsten und seine Verwandschaft ausrichten. Als Verband aber können sie ihren Herren durchaus die Stirn bieten. Natürlich wären solche Verbände eigentlich illegale Geheimbünde. Daher legitimiert man sie durch eine vorgeblich religiöse Aufgabe. Der Erfolg, den die Orden hatten, ist ganz beachtlich. Fast jeder Orden, und mag er noch so klein sein, ist durch geschicktes Taktieren und Kapitalanhäufung zu einem Machtfaktor geworden, mit dem man rechnen muss. In ein paar Fürstentümern sind Orden gar die eigentliche Macht im Staate. Was sollte ein Fürst auch gegen einen Orden unternehmen können, wenn der Löwenanteil seiner Ritter in diesem Mitglied ist? Die Auswirkungen, die das Aufkommen der Orden auf die goranischen Fürstentümer hat, ist in seiner vollen Tragweite noch gar nicht abzusehen! Die Feudale Ordnung ist dabei, ernstlich erschüttert zu werden, denn die Orden arbeiten oftmals länderübergreifend. So ist ein Ritter nicht mehr allein seinem eigenen Fürsten verbunden, sondern auch Teil einer Organisation, die ihren Sitz in einem völlig anderen Fürstentum haben kann. Loyalitäten sind nicht mehr gesichert. Neben der normalen Adelshierarchie kann es nun auch noch die interne Hierarchie eines oder mehrerer Orden geben, die nicht mit der weltlichen Hierarchie übereinstimmen muss. (So kann es zum Beispiel sein, dass innerhalb des Ordens ein einfacher Freiherr seinem Baron Befehle erteilen kann, weil er einen höheren Ordensrang innehat.) Absprachen zwischen einzelnen Adeligen finden nicht mehr offen statt, sondern hinter den verschlossenen Türen eines Ordenshauses. Dabei schachern sich Ordensmitglieder gegenseitig Vorteile zu und boten diejenigen, die kein Teil des Ordens sind, aus. Die weitaus meisten Orden sammeln, auf legalen und weniger legalen Wegen immense Reichtümer an und bilden so auch mächtige Wirtschaftsfaktoren. Der Orden des Schwarzen Keilers beispielsweise besitzt das Weinhandelsmonopol an der Südostküste der Waismark, da der Orden sämtliche Weingutsbesitzer der Gegend rekrutiert hat. Sich gegen einen Orden zu stellen, erfordert wahren Heldenmut, denn die Organisationen sind mittlerweile so etabliert, dass man ihnen kaum beikommen kann. Die Bezeichnung „Ritterorden“ suggeriert zwar Ritterlichkeit, aber um Gegner matt zu setzen ist vielen Orden jedes Mittel recht. Rufmord. Den Gegner in den finanziellen Ruin treiben. Verbrechen anhängen. Attentate. All dies sind keine Seltenheiten.

Die rasche Entwicklung der Orden binnen weniger Jahre hat Kirche und Fürsten regelrecht überrollt. Es herrscht keine Einigkeit darüber, wie die Orden zu bewerten und zu behandeln sind. Viele Vertreter der Kirche hoffen noch immer, die Orden zu den Verteidigern des Glaubens zu formen, die die Orden ohnehin zu sein behaupten. Die korrupten Machenschaften der meisten Orden sorgen aber für eine immer stärkere Ernüchterung. Viele Fürsten wissen nicht, wie sie mit den Orden umgehen sollen. Einige Einfallspinsel ignorieren sie und andere führen Kleinkriege gegen die neuen Organisationen. Die Schlauesten jedoch versuchen, die Orden zu ihren eigenen Werkzeugen zu formen.

Aspekte:

  • Der Orden des…
  • Hinter verschlossenen Türen
  • Ein Schmerz im Arsch des Adels

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