Die Fragmente

Malmsturm – Die Fragmente: Die Falschleuchter von Torka

Jeden Monat pendeln dutzende schwer beladener Handelskoggen zwischen der Insel Torka und dem Festland hin und her. Sie liefern Gold, edles Tuch, Gewürze und feinste Delikatessen zur Insel und legen mit dem Laderaum voller Weinfässer wieder ab. Der gute, schwere Wein aus Torkabeeren ist eben nur auf der Insel zu bekommen. Nur auf Torka werden die Beeren süß wie Honig. Pflanzt man sie hingegen am Festland an, schmecken sie nach Essig und sind zur Weinherstellung vollkommen ungeeignet. Die Götter haben die Insel mit einer besonderen Kombination aus heißem Quellwasser und schwerer, schwarzer Vulkanerde gesegnet, die es den Beeren ermöglicht, eine vortreffliche Süße zu entwickeln. Die Bewohner der Insel haben es den Göttern gedankt, indem sie am größten Quellsee ein trisantisches Heiligtum zu Ehren der Heiligen Mutter Brigidan errichteten. Jedes Jahr zieht dieses Heiligtum tausende von Pilgern an. Wein und spendable Pilger haben Torka immens reich gemacht. Die Winzer können es sich erlauben, ein Leben wie kleine Adelige zu führen. Die, die nur die bunten, hellen Dörfer der Weinbauern kennen, glauben daher dass ein jeder auf Torka dick und reich wäre. Viele Pilger und Händler übersehen aber, das Torka noch eine andere, weit weniger gesegnete Seite hat. Die Fischer in den Küstendörfern der Insel bekommen vom Handel so gut wie nichts ab. Unter ihnen herrscht bitterste Armut. Dieser Gegensatz schafft natürlich Neid und Feindschaft. Fischer und Weinbauern sind sich gegenseitig schon seit Generationen in herzlicher Abneigung zugetan. Die Netzfischerei zwischen den kargen Klippen der Insel bringt kaum etwas ein. So darben die Fischer bei kärglichen Mahlzeiten Trockenfisch und Weizenbrei, während die Kauffahrteikoggen voller Schätze an ihrer Küste vorbei segeln. Manchmal passiert es jedoch, dass eines der Schiffe auf den tückischen Klippen aufläuft und verunglückt. Tragisch, aber für die Fischer unter Umständen eine gute Sache – erlaubt ihnen das Gesetz des Inselherzogs doch, das aus dem Unglück resultierende Strandgut zu behalten, sofern niemand von der Besatzung überlebt hat, der Anspruch auf die Ladung hätte. In früheren Zeiten geschah dies recht oft. So oft sogar, dass die zahlreichen Schiffsunglücke die Profite von Winzern und Kaufherren empfindlich schmälerten. Daher verfügte Inselherzog Njoltos IV, der Herrscher Torkas, vor 12 Jahren die Errichtung von Leuchtfeuern entlang der Küste. Diese sollten Schiffen den Weg weisen und sie vor besonders tückischen Riffen warnen. Das System funktionierte – bis vor zwei Jahren sank keine einzige Kogge mehr an Torkas Küste. In letzter Zeit kommt es jedoch wieder vermehrt zu Unglücken und im Palast des Herzogs kann sich niemand recht erklären, wie es dazu kommt. Dabei ist die Erklärung recht einfach. Als der Herzog die Leuchtfeuer errichten ließ, nahm dies den Fischern eine wichtige Einnahmequelle, denn es gab kaum noch Wracks, deren Ladung man bergen konnte. Statt nun den Göttern zu danken, dass die Riffe nun weniger Todesopfer forderten, fühlten sich einige der Fischer vom Fürsten betrogen. Für sie dienten die Leuchtfeuer einzig und allein dazu, das arme Küstenvolk noch ärmer zu machen! Bald fassten sie einen perfiden Plan, der ihnen wieder zu Strandgut verhelfen sollte. Sie infiltrierten die Reihen der Signalfeuerwächter an der besonders tückischen Südostküste der Insel und machten sich daran, falsche Leuchtfeuer zu legen um Schiffe in dunklen Nächten auflaufen zu lassen. Das funktionierte weit besser, als die Strandräuber erwartet hatten. In den letzten zwei Jahren wurde aus einer kleinen Bande von Verschwörern ein mächtiger Geheimbund, der die Belange in den südöstlichen Fischerdörfern mit eiserner Hand bestimmt. Ein Spionagenetzwerk in den Dörfern der Winzer und in Bärbucht, dem großen Handelshafen der Insel informiert den Bund der „Falschleuchter“ darüber, wann Koggen mit besonders profitabler Fracht an der Küste entlangfahren werden. So können die Falschleuchter gezielt rauben. Wenn die anvisierte Kogge aufgelaufen ist, rudern Totschläger mit Messern und Knüppeln hinüber, um ausnahmslos jeden zu töten, der an Bord noch lebt und, so schnell es geht, die Fracht zu rauben. Viele verunglückte Seeleute begreifen erst gar nicht, dass sie angegriffen werden und glauben, die Küstenbewohner würden sie retten kommen. So haben die Falschleuchter meist leichtes Spiel. Natürlich profitieren nicht alle Fischer von den Umtrieben der Falschleuchter. Alles in Allem hat sich das Leben der meisten noch um einen ganzen Schlag verschlechtert, seit die Falschleuchter das Regiment übernommen haben. Zwar stranden endlich wieder Schiffe, aber wo früher ganze Dörfer vom Unglück profitierten, schaufeln sich heute nur die Bandenmitglieder die Taschen voll. Nur wer von den Dörflern sich „brav“ zeigt, bekommt ein paar „milde Gaben“ ab. Um nicht an die Männer des Herzogs oder die Söldner der Kaufherren verraten zu werden, haben die Falschleuchter ein tyrannisches Schreckensregiment errichtet, das unter den Dörflern absolutes Schweigen garantieren soll. Wer auch nur den Verdacht erregt, den Falschleuchtern gegenüber nicht loyal zu sein, hat mit dem Tode oder zumindest mit schwersten Folterungen zu rechnen. Durchreisende werden in manchen Nächten schon aus reiner Vorsorge umgebracht, nur weil sie vielleicht etwas sehen könnten, das sie nicht sehen sollen. Unter den unbeteiligten Dörflern wächst derweil die nackte Verzweiflung. Das die Taten der Falschleuchter böse sind, steht außer Zweifel. Die Schiffe, die früher strandeten, taten dies durch Zufall. Die Fischer glauben, dass sie ihnen somit von den Göttern zugesprochen waren. Was die Falschleuchter tun, ist jedoch reiner Mord. Doch an wen sollten sie sich in ihrer Not wenden? Selbst wenn es einem gelingen sollte, Hilfe von außen zu holen, wäre die Konsequenz wohl der Tod aller Fischer, da der Herzog mit Piraten keine Gnade kennt. Vom örtlichen Küstenrichter, Ritter Mornoch von der Strebenklippe, der die Nöte der ansässigen Fischer kennt, ist auch keine Hilfe zu erwarten – ist er doch selbst ein hochrangiges Mitglied der Falschleuchter und deckt ihre Taten am Hofe des Herzogs!

 

Aspekte

  • Falsches Licht der Hoffnung
  • Den Reichtum vor Augen
  • Klippen, Gischt und Mord

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