Die Fragmente

Malmsturm – Die Fragmente: Die Blarnissen – Wahn oder Wirklichkeit ?

Schriften der Waismark…im örtlichen Volksglauben hat sich wohl eine uralte Sage aus präkolonialer Zeit, welche in ähnlicher Form auch bei den Ghorgarden vorkommt, erhalten. Danach sind die kleinen Irrlichter, welche manchmal in Sümpfen und Wäldern erscheinen, in Wahrheit winzige menschenähnliche Geister, die scheu in der Wildnis verborgen leben. Diese sogenannte Blarnissen können denen, die sie zu jagen versuchen, üble Streiche spielen, sollen aber auch schon so manchem verirrtem Kind oder in Not geratenem Köhler geholfen haben…Aelbricht von Kanoél, Aberglauben und Irrlehren des Hinterlandes 

 

Manch einer ist davon überzeugt, dass in den Wäldern von Brocaeliand seltsame Dinge vor sich gehen. Ja geradezu unheimliche Dinge! Des Nächtens sieht man winzige, menschenähnliche Schatten durch das Unterholz huschen. Manchmal ist unheimliches Klopfen und Knacken zu vernehmen. Kleinere Gegenstände und Tiere verschwinden. Das Werk grausiger Geister aus den Tiefen der Wildnis? Die meisten guten Bauern der Umgebung lachen darüber und tun diese Dinge als Zufälle ab. Manchmal verliert man eben mal einen Holzlöffel. Und manchmal, wenn man am Abend zu viel Brantwein getrunken hat, sieht man auch schon einmal Dinge, die gar nicht da sind. Und dass Holzbalken zuweilen knacken – gute Götter, das weiß nun wirklich jeder! Stets aber spürt man, dass sie selbst nicht völlig von ihren eigenen Erklärungen überzeugt sind. Will man mehr über die seltsamen Vorkommnisse erfahren, so wendet man sich am besten an den alten Laektor Gralgramosh, der nahe des Dorfes Aelwinc lebt. Vor Jahren wurde er tief in den Wäldern unfreiwilliger Zeuge von Dingen, die sein Leben nachhaltig aus der Bahn geworfen haben. War er einst ein hoch angesehener Mann der Kirche, so ist er heute nur mehr ein argwöhnisch beäugter Außenseiter des Dorfes. Obgleich Gralgramosh noch immer den Rang eines Laektors inne hat, haben die guten Leute Aelwincs unlängst einen neuen Laektor – einen der nicht dem Irrsinn anheim gefallen ist. Mit seiner ausgeprägten Hakennase war Gralgramosh ohnehin nie ein hübscher Mensch, doch nun wirkt er in seiner zerschlissenen schwarzen Kutte und mit seiner schmierigen Halbglatze geradezu erbarmungswürdig. Bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen er das Dorf aufsucht, wird er von den Kindern gemieden und von den Erwachsenen mitleidig belächelt. Gralgramosh haust heute in einer alten, halbverfallenen Missionskirche am Waldesrand, nur mit einer Katze als Gefährte. Die vielen Jahre der Einsamkeit haben Gralgramosh zu einem verbitterten Griesgram gemacht. Doch macht man sich die Mühe, ein paar freundliche Worte mit dem alten Mann zu wechseln (und spendiert ihm etwas Brantwein), so erzählt er einem vielleicht, was ihm damals vor Jahrzehnten im Walde wiederfuhr: Einst, als er noch ein junger Laektor war, suchte er, ermattet von seinen Studien, die kontemplative Einsamkeit der Natur um innere Einkehr zu halten und seinen Geist zu erfrischen. Nachdem er beim Meditieren unter einer Eibe eingeschlafen war, erwachte er erst spät nachts. Zwar stand der Silbermond als helle Sichel am Himmel, doch der Rückweg ließ sich schier nicht finden. So irrte Gralgramosh, von Tierrufen und nächtlichen Schatten verängstigt, durch den Wald, bis er einen Feuerschein durch das Geäst schimmern sah und sich gerettet glaubte. Doch was er sah, als er auf die entlegene Lichtung trat, war so entsetzlich, das Gralramosh an dieser Stelle immer die Stimme versagt. Inmitten der Lichtung befand sich ein Dorf, oder besser – die groteske Parodie eines Dorfes. Es war, als wären Pflanzen und Pilze an dieser Stelle des Waldes so gewuchert, dass sie die Formen von Häusern, Heuschobern und Schuppen nachbildeten. Innerhalb dieser bizarren Nachahmung eines Weilers tummelten SIE sich. SIE, so nennt Gralgramosh die Bewohner des Dorfes aus Pilz und Gestrüpp. SIE, das waren (oder besser: sind) kleine, gnomenhafte Geschöpfe, kaum größer als ein Apfel hoch ist. Ihre menschenähnliche Gestalt ist verdreht und verwachsen. Was an ihnen an Mützen und Hosen erinnert, ist in Wahrheit Teil ihres Körpers, der, so der nervlich zerrüttete Kleriker, eher aus faserigem Pilzgewebe denn aus Fleisch bestünden. Ihre Farbe war, soweit Gralgramosh im fahlen Licht des Mondes erkennen konnte, eine Mischung aus schmutzigem Weiß und jener Farbe, die sich an Schnitten und Druckstellen von Giftpilzen zeigt. Just, als Gralgramosh durch dichtes Brombeergestrüpp in die Lichtung trat, waren die widernatürlichen Kreaturen dabei, abscheulichen heidnischen Ritualen zu fröhnen. Dutzende, wenn nicht hunderte von ihnen tanzten in wilden Verrenkungen um ein großes Feuer in der Mitte des Dorfplatzes und sangen dabei in schrillen Stimmen obszönes Liedgut. Zutiefst erschüttert schlug der Laektor das Zeichen der dreieinigen Götter über seiner Brust und rief laut den Namen des Vaters aus. Kaum, dass er den Namen des Höchsten Guten ausgesprochen hatte, wendete sich die abscheuliche Tanzgesellschaft um und stürzte sich mit wildem Kreischen auf den Laektor. Unzählige kleiner Spieße bohrten sich in seine Haut während kleine Krallen auf ihn einschlugen und an seiner Robe rissen. Ohne Zweifel – die dämonischen Geschöpfe wollten ihm ans Leben! Todesverachtend hieb er mit seinem Wanderstab um sich und erschlug hier bald fünf, dort sechs der Wesen. Allein, es half nichts. Sowie er eine der winzigen Menschenkarikaturen zu Tode geschlagen hatte, wuchs aus pilzigem Geflecht ein neuer aus dem Boden. Mit Grausen wandte er sich um und suchte sein Heil in der Flucht. Stunde um Stunde ging die wilde Jagd, denn die grotesken Gnome setzen ihm nach und bewarfen ihn weiter nach Kräften mit kleinen Speeren. Als die Sonne aufging, hatte Gralgramosh schließlich den rettenden Waldrand erreicht und die Wesen ließen ab von ihm. Doch zu seinem Unglück sollte das nur der Anfang von Gralgramoshs Tortur sein. Obwohl die Verletzungen die er von den Spießen der kleinen Walddämonen davon getragen hatte, für jeden ersichtlich sein mussten, glaubte ihm niemand die Geschichte über die kleinen Wesen und das seltsame Dorf tief im Walde. Die Verletzungen, so sagten die Leute, stammten von Brombeerdornen und die Wesen habe der Laektor nur im Alptraum gesehen. Der Episkop untersagte ihm gar, von den Waldwesen zu predigen – schließlich solle er als Laektor den Aberglauben des Volkes bekämpfen und nicht noch anfeuern. Gralgramosh zog in seine Einsiedlerklause und wurde der traurige, alte Mann der er jetzt ist. Er weiß, dass er all sein Unglück den „Blarnissen“ verdankt. So nennen sich die Kreaturen selbst – soviel hat Gralgramosh herausfinden können. Seit jener Nacht im Walde führt der tapfere Laektor einsam und verlassen eine Art Krieg gegen die Dämonen des Waldes. Er erschlägt sie, wo er nur kann und die Blarnissen belauern ihn. Versuchen ihn zu vergiften, mit Stolperdrähten zu Fall zu bringen oder ihn mit Dachziegeln zu erschlagen. Daher ist er ein vorsichtiger, ja regelrecht paranoider Mann geworden.   Die Dorfbewohner schieben dies darauf, dass Gralgramosh seinen Kummer zuweilen in Brantwein ertränkt. Das Dorf der Blarnissen hat Gralgramosh seither nicht wiederfinden können. Doch sollte er es je finden, dann werden die Blarnissen etwas erleben….

 

Aspekte:

  • Ein Kater mein Treuer Gefährte
  • ..und wenn es das letzte ist was ich tue
  • dem Geheimniss der Blarnisse auf der Spur

 

Das Volk der Blarnissen

Gewiss könnte man den bedauernswerten Gralgramosch für ein trauriges Opfer von Fusel und Schwachsinn halten. Doch sein Bericht ist nichts als die reine Wahrheit! Tatsächlich hausen in den Wäldern in der Nähe des Dorfes Aelwinc Kreaturen, die zu absonderlich scheinen, um existieren zu dürfen. Der alte Laektor beschreibt sie in seinen Geschichten stets sehr akkurat. Tatsächlich sind die Blarnissen selten größer als eine Handspanne und bestehen nicht aus Fleisch wie Tiere und Menschen, sondern aus derselben Masse wie Pilze! Nur auf den ersten Blick sehen sie aus wie kleine, verdrehte Humanoiden. Schaut man genauer hin, erkennt man, dass es sich bei den Blarnissen um wandelnde Pilze handelt, die aussehen als hätte ein Kind die krude Imitation eines Menschen aus Lehm modelliert. Es ist sehr schwierig, einen Blarniss vom anderen zu unterscheiden, da ihre Züge von Zeit zu Zeit verschwimmen und von einzelnen Knubbeln einmal abgesehen jeder Blarniss dasselbe karikaturenhafte Gesicht hat. Wie der Laektor ganz richtig beschreibt, ist ihre Gesellschaft so etwas wie die spöttische Nachahmung des waismärkischen Dorflebens. Ihr aus Pilzen und Gestrüpp gewachsenes Dorf ist genau so angeordnet wie ein normales menschliches Dorf es auch wäre. Statt einer Kirche findet sich jedoch ein Steinkreis in der Mitte der puppenhausartigen Ansiedlung – ein deutlicher Hinweis darauf, dass Blarnissen Heiden sind! Echte Individualität scheinen Blarnissen nicht zu besitzen. Sie leben in ausgeprägter Polyandrie, bilden soweit ersichtlich keine Familien und besitzen auch keine Eigennamen. Jeder Blarniss bezeichnet sich selbst nur als „Blarniss“, wobei er seinen Beruf vor seinen „Namen“ setzt. So gibt es einen Schmiede-Blarniss, einen Böttcher-Blarniss und mehrere Bauern und Knechte Blarniss, denn die Blarnissen betreiben Landwirtschaft mit Brom-, Preisel und Heidelbeeren. Ja es gibt sogar einen Ritter-Blarniss, dessen Tätigkeit darin besteht, mit Schwert und Schild durch das Dorf zu stolzieren und ab und zu andere Blarnissen zu verprügeln um willkürlich festgelegte Steuern einzutreiben. Anführer des Dorfes scheint jedoch der in blutfarbene Roben gehüllte Drywede-Blarniss zu sein. Einzelne Blarnissen scheinen nicht übermäßig intelligent zu sein. Sie verfügen über einen geringen, aber ausdrucksstarken Wortschatz und sprechen in einem für moderne Waismärker altertümlich anmutenden Akzent. Die Interaktion der Blarnissen mit Menschen beschränkt sich auf wenige Gelegenheiten. Anders als Laektor Gralgramosh das vermutet, sind sie nicht inhärent menschenfeindlich oder dämonisch, sondern nur sehr vorsichtig, da sie fürchten im offenen Kampf gegen die „Großen Klotzleute“, wie sie Menschen nennen, keine Chance zu haben. Und insbesondere lehnen sie es ab, „missionisiert“ zu werden – was vielleicht ihre starke Abneigung gegen Kirchenvertreter erklärt. Bei wenigen Raubzügen und Expeditionen brechen sie in menschliche Behausungen ein, um dort kleinere Metallgegenstände für Schmiede-Blarniss, Korn oder alkoholische Getränke zu stehlen. Vor Menschen, die sie im Walde antreffen, verbergen sie sich meist. Es ist aber schon vorgekommen, dass sie mit einzelnen Menschen geredet und ihnen sogar geholfen haben. Die ständigen Nachstellungen des Gralgramosh haben die Blarnissen vorsichtiger werden lassen – aber auch heimtückischer. Teile ihres Waldes sind mit hinterhältigen Fallen gesichert und ihre Wurfspieße bestreichen die Blarnissen nunmehr mit Giften, die der Dryweden-Blarniss anfertigt. Beobachtet man die Blarnissen genauer, stellt man einige Seltsamkeiten fest. So wiederholen sich einige Szenen in ihrem Dorf mehrmals. Und außerdem scheint jede Blarnisse instinktiv zu wissen, wo alle anderen Blarnissen sind.

 

 

Das Geheimnis der Blarnissen

Die mysteriösen Blarnissen sind nicht einfach nur ein Wichtelvolk. Nein – hinter ihnen verbirgt sich ein Geheimnis, das seltsamer nicht sein könnte. Ein Geheimnis, das geradezu zu den tieferen Mysterien des Leradin führen könnte! Denn alle Blarnissen teilen sich dieselbe Seele. Ja, mehr noch – eigentlich sind sie sogar ein und dieselbe Person. Nur, dass dies sogar den Blarnissen selbst nicht mehr ganz klar ist. Als die nichtmenschlichen Kräfte des Waldes vor Jahrhunderten die ersten Ghidrog schufen, war darunter auch eine Entität namens „Swaepir“, dessen  Bewusstsein viele Erinnerungen eines einfachen Dorfbauerns enthielt. Über viele Jahre hinweg wuchs in Swaepir immer mehr das Heimweh nach einem idyllischen Menschendorf, in dem er vielleicht, vielleicht auch nicht, in einem früheren Leben einmal existiert hatte. Sein Dasein als vielgestaltiger Waldgeist erlaubte ihm jedoch nicht, so einfach wieder unter Menschen zu wandeln. Anstatt sich jedoch zum Skraat zu wandeln, wählte Swaepir einen anderen Weg. Statt als Imitat eines Menschen unter Menschen zu wandeln, erschuf er mit Hilfe seiner Naturkräfte ein kleines Dorf aus Wurzeln, Pilzen und Blättern. Alsdann fertigte er aus Pilzen kleine Menschenimitate, die Blarnissen, die er beseelte und umherlaufen lies. Zunächst stellte er zu seinem Vergnügen nur kleine Dorfszenen nach, die er bei Menschen beobachtet hatte. Doch mit jedem Jahrhundert, das verstrich, fühlte er sich stärker in seine kleine Spielwelt ein. Swaepir wurde zu den Blarnissen. Sein Geist zerfaserte und manifestiert sich nun in Form vieler kleiner Persönlichkeiten, von denen ein jede ein Splitter des mächtigen Waldgeistes Swaepir ist. Swaepirs Zustand lässt sich in den Worten eines imperialen Gelehrten vielleicht mit „Multiple Persönlichkeitsstörung“ beschreiben. Mittlerweile erinnern sich die Blarnissen nur noch schwach daran, einmal Swaepir gewesen zu sein. Der gemeinsame Geist bildet zur Zeit nur ein leises Grundrauschen im Unterbewusstsein der einzelnen Blarnissen. Das das Kollektiv aller Blarnissen eigentlich Swaepir ist, hat aber schwerwiegende Konsequenzen. So ist es zum Beispiel unmöglich, einen einzelnen Blarniss dauerhaft zu töten. Sein Körper ist ohnehin nur eine Puppe – seine wesentliche Essenz ist die in Swaepirs Bewusstsein existierende Persönlichkeit. Schlägt man einen Blarniss tot, so wird er sich in seinem Haus im Dorf der Blarnissen neu bilden. Allerdings nicht mit allen Erinnerungen. Ja, selbst das Dorf könnte Swaepir jederzeit neu entstehen lassen, sollte es vernichtet werden! Um die Blarnissen endgültig zu vernichten, müsste man Swaepir töten…am Besten, indem man seinen gesamten Wald niederbrennt!

Aspekte :

  • Wir sind eins
  • Sehnsucht der Menschlichkeit
  • Freiheit um jeden Preis

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