Die Fragmente

Malmsturm – Die Fragmente: Bröbra und Prapurang

Unzählige Menschen drängen sich auf den Plätzen, in Gassen und Straßen. Die Sonne brennt unbarmherzig auf die Massen hernieder. Die hohen Mauern des weitläufigen Häusermeeres bieten zur Mittagszeit nur wenig Schatten, doch das stört das Heer der Geschäftigen nicht, denn wir befinden uns im niemals schlafenden Lyssa, der Hauptstadt des Imperiums. Die heiße, stickige Luft ist erfüllt vom Geruch nach Rauch, Chemikalien und Unrat. Doch hie und da durchzieht der Geruch nach gebratenem Fleisch und heißer Suppe die Luft, denn aller Orten bieten kleine Garküchen einfache Speisen für den kleinen Geldbeutel feil. An einem der wenigen, schattigen Plätzchen unter einer maroden Brücke zwischen zwei himmelstrebenden Türmen steht eine dieser kleinen Garküchen. Eine schäbige kleine Bretterbude auf einem schmuddeligen Haufen Schrott ist es, aus der absonderliche Dämpfe und Gerüche strömen. Kaum drei ausgewachsene Männer nebeneinander können auf dem morschen Brett, das als Bank vor dem Büdchen festgenagelt ist, Platz nehmen. Hinter der schmalen, wurmstichigen Theke arbeitet Bröbra. Ihre Eltern sind, so erzählt sie, vor unzähligen Jahren einmal als Sklaven aus den windigen Steppen des Nordens hierher verschleppt worden. Daran erinnern bei Bröbra jedoch nur noch die Gesichtszüge und ihr etwas „unimperialer“ Name. Das interessiert in den Gassen der lyssanischen Unterschicht aber auch niemanden so recht. Bröbra ist 60 oder 70. Vielleicht auch 80. Niemand weiß das so genau. Auf jeden Fall ist Bröbra unglaublich faltig und auch unglaublich beleibt. Wie zum Henker scheinbar unbegrenzte Getränkevorräte, Küchenutensilien, Woks voller ranzigem Frittierfett und die fette Vettel Bröbra in die absurd kleine, lampionbeleuchtete Bude passen, hat bislang noch niemand so recht ergründen können. Die Schriftzeichen auf den zerschlissenen Papierlampions, die außen an der Bude befestigt sind, verkünden das angebotene Sortiment. Bröbra serviert neben Geschwätz auch eine große Bandbreite geistiger Getränke, fritierte Fleischmausspieße zweifelhafter Herkunft, schwer im Magen liegende Mehlklöße und dicke Nudelsuppe in siebzehn verschiedenen Geschmacksrichtungen die manchmal im Dunklen leuchtet. Für Kinder führt sie auch alkoholgefüllte Süßigkeiten im Sortiment. Im Frittierfett schwimmen dicke schwarze Klumpen, der ölige Qualm, der manchmal aus der Bude quilt, beißt in den Augen und von manchem der angebotenen geistigen Getränke kann man blind werden, aber das vertreibt die Kundschaft nicht. Von anderen Garküchen ist man nämlich gemeinhin Schlimmeres gewöhnt. Immerhin ist an Bröbras Fleischmäusen auch Fleisch dran und sie sind gut gewürzt. Auch, wenn niemand so recht weiß, mit was. Daher ist Bröbras Bude stets gut besucht. Zu Bröbras allgemeiner Beliebtheit trägt auch ihr ausgeprägter Hang zur Unverschämtheit bei. Man hätte noch nie von jemandem gehört, den Bröbra tatsächlich höflich behandelt hätte und zur Belustigung aller Anwesenden gibt sie gerne Kostproben aus ihrem unerschöpflichen Repertoire dreckiger Witze. Da sie ihre Bude jeden Tag an einer anderen Stelle der Stadt aufstellt, kommt sie viel in der Millionenmetropole herum und ist stets bestens über das aktuelle Tagesgeschehen informiert. Zuweilen kann man ihre Bude an den absurdesten Orten antreffen – beispielsweise direkt vor Tempelportalen (falls einer der Gläubigen beim Beten eine Fleischmaus essen möchte) oder in der Kanalisation (da auch Irrformen zahlende Kundschaft sein können.)

Manch einer glaubt, Bröbra wäre eine leibhaftige Hexe. Das mag stimmen, oder auch nicht. Auf jeden Fall weiß niemand zu sagen, wo Bröbra wohnt, wenn sie nicht in ihrer Bude sitzt und Fleischmausspieße an den Mann bringt. Manchmal schenkt Bröbra einem ihrer Kunden unvermittelt seltsame Talismane und allerlei bizarren Nippes und begründet dies mit besonderen Werbeaktionen oder damit, dass der entsprechende Kunde der so-und-so-vielte Kunde des Monats gewesen sei. Manchmal macht sie (ungefragt) Weissagungen über die Zukunft derjenigen, die an ihrer Garküche essen. Und manchmal, spät nachts kurz vor Ladenschluss wird sie von berobten Gestalten aufgesucht, die offenkundig aus den besseren Vierteln der Hauptstadt stammen. Sind es Magier oder Alchemisten, die den Rat der wunderlichen Alten suchen? Was Bröbra aber wirklich den Ruf einer Zauberwirkerin eingebracht hat, ist die Tatsache, dass ihre Imbissbude mobil ist! Der lampionverzierte Bretterkasten steht auf einem uralten, spinnenartigen Servitor, den Bröbra „Prapurang“ nennt. Steht die Bude still an einem Ort, wirkt es, als sei sie etwas erhöht auf einem Haufen alten Schrotts erbaut worden. Das es sich bei dem Haufen Altmetall tatsächlich um einen Servitor handelt, erkennt man erst, wenn dieser seine langen, stelzenartigen Beine ausfährt, die Bude um vier Schritt in die Höhe hebt und sich mit staksigen Schritten in Bewegung setzt. Früh morgens oder am späten Abend kann man des Öfteren sehen, wie Prapurang Bröbra und ihre Bude durch die Straßen trägt. Der Servitor kann geradezu erstaunliche Geschwindigkeiten erreichen, schaukelt die Hütte dabei aber ziemlich durch. Manchmal wird es notwendig, dass Bröbra fluchtartig das Feld räumt, denn die alte Frau weigert sich standhaft, irgend eine Standgebühr zu entrichten. Schon mehrmals wurde sie deswegen von der Stadtwache verfolgt (Nun, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Bröbra wurde nicht wegen der fehlenden Standgebühr verfolgt, sondern weil die Mehlklöße, mit denen sie die Stadtwächter bestochen hatte bei diesen Magendarmprobleme ausgelösten). In diesen Fällen rennt Prapurang schneller als ein menschlicher Läufer es jemals könnte durch die Menschenmassen, während heißes Fett aus der Bude auf die umgebenden Passanten spritzt.

Wie Bröbra zu Prapurang gekommen ist, wissen wohl nur Bröbra und Prapurang selbst. Wer den kleinen Imbiss besser kennt, weiß, dass Prapurang mehr ist als ein bloßes Transportvehikel. Manche sagen, die „Hexe“ Bröbra habe Prapurang erschaffen, während andere glauben, sie hätten sich tief unter der Stadt kennengelernt und einen Pakt miteinander geschlossen. Wieder andere behaupten, sie habe den Servitor geschenkt bekommen, weil sie einem hochrangigen Adeligen einst ein Festmahl bereitet habe, von dem dieser so begeistert war, das er sich bei der Garküchenbesitzerin habe bedanken wollen. (Aber welche Adelige würde schon Fleischmausspieße essen. Oder Mehlklöße). Der Servitor kann menschliche Sprache verstehen und es gibt Leute, die gehört haben wollen, dass er auch sprechen kann. Allerdings nur schroff abweisende Einwortsätze. Prapurang ist darüber hinaus so ziemlich die einzige Kreatur, mit der Bröbra zumindest halbwegs respektvoll redet. Wenn Bröbra kurz mal den nächsten Abort aufsuchen muss, übernimmt Prapurang den Dienst hinter der Theke. In diesen Zeiten sollte man besser nichts ordern, denn Prapurang kann nicht kochen. Die Fleischmausspieße schmecken irgendwie angebrannt und Prapurang versieht alles, was er serviert, mit einer großzügigen Prise Salz. Auch die Getränke.

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