Die Welt

Eisen im Feuer #12: La cartographie – Weltanschauung und Weltansichten Teil 3

Mit Weltanschauung und Weltansichten starten wir eine dreiteilige Serie innerhalb des Kartenprojektes die über den kartengebrauch in der Welt von Malmsturm aufschluss gibt.

Die meisten Völker des Nordens haben keinen Bedarf für Landkarten oder gar angebliche Darstellungen der gesamten Welt: Sie orientieren sich entlang der Flussläufe, Seen, Bergketten und Küstenlinien ihrer Heimat und folgen dem Lauf der Gestirne und von Sonne und Silbermond. Das bedeutet jedoch nicht, dass niemand im Norden Verwendung für zumindest halbwegs verlässliches Kartenmaterial hätte oder solches gar nicht existieren würde. Mit der zunehmenden Verbreitung der Liga tauchen auch mehr und mehr billige Kopien grober Karten des Nebelmeeres und seiner Umgebung in den fünf großen Städten auf. In jedem Handelskontor der Liga hängen große Versionen dieser Karten an den Wänden und sind oft mit allerlei merkwürdigen Markierungen versehen, deren genaue Bedeutung aber nur Mitglieder des Händlerbundes kennen. Einigen weitgereisten Gelehrten ist jedoch schon vor Jahren aufgefallen, dass es sich bei diesen Karten anscheinend nur um vergrößerte Ausschnitte alter Planarkarten aus dem Imperium handelt. Insbesondere die Eispiraten, die Ladchoum und einige tüchtige Handelskapitäne sind sich allerdings der groben Fehler und Verzerrungen auf diesen Karten durchaus bewusst. Sie blicken verächtlich auf all jene herab, die auf ihren Fahrten auf solches Material zurückgreifen oder bangen Herzens stets in Sichtweite der nächsten Küstenlinie verweilen. Diese Hochseekapitäne vertrauen ihrerseits auf Kopien und Variationen weit älterer Karten, deren Originale so selten geworden sind, dass viele sind längst für verloren oder zerstört halten. Dabei handelt es sich um Karten, deren Ursprung angeblich in der Blütezeit des Bhaltarischen Reiches liegen soll, also vor fast achttausend Jahren! Die Mehrheit dieser Darstellungen basiert – wenn man den wenigen Gelehrten glauben kann, die sich mit diesen Dingen befassen – auf der seltsamen Idee, jeweils einen Teil der rundlichen Oberfläche der Welt auf die Oberfläche eines geeigneten Kegels zu übertragen. Den Gelehrten zufolge, gelang es den weisen Bhaltarern so eine Karte zu erzeugen, in der zumindest alle Richtungen – oder Winkel, wie manche sagen – völlig korrekt abgebildet werden, was die Navigation verständlicherweise sehr erleichtert. Die wenigen als Originale bezeichneten Exemplare dieser Karten zeigen allerdings weder Maßstäbe noch die Namen irgendwelcher Orte. Sie existieren in Gestalt ungemein bruchfester halbtransparenter rot-brauner Kristallplatten, auf denen außer den Umrissen von Meeren, Seen, Flüssen und Bergen auch die sogenannten Bhaltarischen Linien zu erkennen sind. Niemand hat bisher irgendwo eine Spur von Straßen, Wegen, Befestigungen oder anderen Artefakten entdecken können, welche diesen Linien entsprechen, so dass sie auf Kopien der Karten meist nicht auftauchen, aber eine der Linien ist stets besonders gekennzeichnet – und die Bedeutung dieser Linie ist jedem Kind im Norden bekannt, selbst denen, die nie vom Bhaltarischen Reich gehört haben: Es handelt sich dabei um den Sonnensaum: die Grenze ab welcher im Winter die Sonne nicht mehr auf- und im Sommer nicht mehr untergeht. In manchen Regionen spricht man auch von der Wand des Winters, der Straße der Schatten oder sogar von dem sagenhaften Wurmgott Tunglithorm, der unsichtbar über den Wolken kreist und dem die Bhaltarer sogar Tempel errichtet haben sollen. Im Süden der heiligen Insel Balta folgt eine Reihe mächtiger Menhire, die schon uralt waren lange bevor das Bhaltarische Reich geboren wurde, eben dieser Linie. Die Bhaltarer errichteten keinerlei größere Siedlungen nördlich des Sonnensaums, obschon die Vorläuferin des heutigen Nidbærg dieser Grenze doch sehr nahe kam. Nhastrand hingegen wäre in den Augen der Bhaltaren ein für Menschen unzumutbarer, wenn nicht sogar von den Göttern verbotener Ort  für eine Stadt gewesen – was in gewisser Weise erklärt, warum die Bhaltarer dort eine gefürchtete Strafkolonie errichteten, über die heute kaum mehr bekannt ist, als dass später an ihrer Stelle das heutige Nhastrand entstand.  


Stimmen des Nordens

»… mein alter Lehrer Stjarnvis war zuletzt sogar überzeugt, dass die Ruinen der Tempel und Schreine zu Ehren von Tunglithorm keineswegs auf eine Gottheit des Bhaltarischen Reiches verweisen. Er meinte, diese seltsamen Gemäuer auf entlegenen Hügeln und Bergrücken hätten eigentlich Gemeinschaften von Gelehrten wie uns beherbergt – nur, dass diese Gelehrten weniger Runen und alte Schriften studierten als vielmehr den genauen Lauf der verschiedenen Monde beobachtet und aufgezeichnet hätten! Er wies auch gern darauf hin, dass wir ja manchmal in klaren Nächten Sterne erkennen können, die sonst nie in Erscheinung treten, weshalb es doch denkbar wäre, solche Verhältnisse auf manchen hohen Bergen häufiger vorzufinden – und eben deshalb stünden dort diese Ruinen! Noch verrückter waren nur seine Ideen zu den Bhaltarischen Linien: Stjarnvis murmelte mal im Suff, dass jede von ihnen eine Zahl sei und wir nur das Zählen verlernt hätten. Als ob ich nicht zählen könnte!«

Der Runengelehrte Klæs Thume zu seinem Schüler Hjordolf während eines Nachtlagers in den Mælaren.


Die einzigen im Norden bekannten noch älteren Karten sollen Kopien sein, welche die Bhaltarer ihrerseits von noch älteren Karten angefertigt haben – aber manche Gelehrte begründen die Unschärfe und den allgemein schlechteren Zustand dieser Karten auch schlicht mit weniger sorgsamem Umgang und simplen Unfällen im Laufe der Jahrtausende. Diese Karten bilden oft den gesamten Norden ab und werden daher auch gern als Großkarten bezeichnet. Die Bhaltarischen Linien auf ihnen sind etwas anders geformt und meist fehlt auch eine Darstellung des Sonnensaums. Was diese Karten dennoch so wertvoll macht, ist ihre geradezu magische Fähigkeit, den jeweils kürzesten Weg zwischen zwei weit entfernten Orten durch eine einfache gerade Linie, welche diese Orte verbindet, herauszufinden! Das verwirrt manche Gelehrte umso mehr, als nachweislich weder Winkel noch Ausdehnungen auf diesen Karten zuverlässig dargestellt werden. Der Überlieferung nach ergibt sich die Gestalt dieser – ebenfalls nur in Form der bhaltarischen Kristallplatten erhaltenen – Karten aus dem Bemühen, die Beschaffenheit der Oberfläche der Welt auf eine große Ebene zu übertragen – doch so, als ob man dabei die Dinge vom Mittelpunkt der Welt aus betrachten würde! Auch wenn es natürlich offenbar einem Menschen unmöglich ist, den Mittelpunkt der Welt zu erreichen, so gibt es doch manchen Gelehrten arg zu denken, dass die Bhaltarischen Linien auf diesen uralten Karten scheinbar alle um einen gemeinsamen Ort zentriert liegen, bei dem es sich mit großer Sicherheit um die sagenhafte Eisfeste Hælyudh Nhir handelt. Ein Ort, von dem immer wieder berichtet wird, dass dort die  furchtbaren Qôroq Qôl seit Jahrhunderten gegen Horden schwarzer Bestien kämpfen, die aus einem bodenlosen Schacht aus dem Innersten der Erde hervorquellen …

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